| |
Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias
Johannes 2, 1-11
1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam - die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. Solange er sich erinnern konnte, hatte ihn immer dieser geheimnisvolle Krug interessiert. Ruben war mit seiner Familie schon oft bei den Freunden in Kana zu Besuch gewesen und oft hatte er einen Vorwand gesucht, um im Keller nach dem Krug sehen zu dürfen. Kinder gab es keine, die waren schon erwachsen, aber im Haus und auf dem Hof gab es jede Menge zu entdecken. Dazu gehört auch der Krug. Tante Mu, wie sie sie nannten, hatte gesagt: Da ist Wein von der Hochzeit drin. Das hatte er sich gemerkt. Wein in einem riesigen Waschkrug in der Ecke des Kellers, von Staub überzogen. So war es immer gewesen, aber diesmal war der Staub ab. Tante Mu stand in der Küche und schaute in den sonnigen Garten. Als er sie nach dem Krug fragte, wandte sie sich lächelnd zu ihm. "Der Wein hat scheußlich geschmeckt. Letztes Jahr hatten wir doch Silberhochzeit. Und wir hatten die Idee: wir trinken den Wein von damals. Aber das ging nicht. Trotzdem stand der Krug die ganze Zeit dabei und alle, die damals dabei waren, haben sich wieder erinnert. Erst hieß es, der Wein sei alle. Uns wurde schon heiß und kalt, das Hochzeitsfest war erst drei Tage im Gange und schon war der Wein alle. Aber dann brachten sie den Wein waschkrügeweise an. Das war so viel. Wir haben am Ende viel verschenkt und den einen Krug in den Keller gestellt. Aber jetzt, nach 25 Jahren schmeckt er nicht mehr so gut wie damals. Dein Vater Nathanael hat gelacht, als wir ihm von dem verdorbenen Wein erzählt haben. Und er hat gesagt: du kannst die Wunder deines Lebens nicht aufsparen. Aber du kannst dich an sie erinnern und in deinem Herzen glauben, dass sie wieder passieren können." War mein Vater auch dabei? fragte Ruben überrascht. Aber natürlich, sagte Tante Mu, seitdem kennen wir uns doch. Er war damals einer von den Jesusschülern. Sie waren alle eingeladen, weil zu einer Hochzeit sowieso alle eingeladen werden. Plötzlich wurde es turbulent in der Küche, laut redend und lachend kamen immer mehr Frauen aus dem Garten. Ruben machte sich auf die Suche nach seinem Vater. Er sollte ihm die Geschichte von damals erzählen. Nathanael stutzte kurz, dann legte er seine Studien beiseite und wandte er sich seinem Sohn ganz zu. Ja, hier im Haus ist das passiert, begann er zu erzählen. Ich war damals erst ganz kurz Schüler von Jesus geworden, als wir auf die Hochzeit gingen. Das war nicht ungewöhnlich, bei einer Hochzeit feierten alle tagelang mit. Wir lernten damals die Familie von Jesus kennen, seine Mutter und seine Brüder, die waren auch dabei. Maria haben wir später völlig aus den Augen verloren, erst nach dem Tod von Jesus trafen wir sie wieder, da hat sie in der Gemeinde kräftig mitgemacht. Sie war eine starke Frau. Vielleicht auch ein wenig bestimmend. Jesus reagierte manchmal etwas gereizt auf seine Mutter, aber das ist ja normal. Sie war eine Frau. Sie wußte, dass sie so oder so bekommt, was sie will, egal, was die Leute sagen. Als der Wein ausging, war sie gleich da. Sie hat voll mitgefühlt mit den Gastgebern, die sich völlig verplant hatten. Jesus, tu was. Der hat sie stehenlassen. Aber sie ist trotzdem herumgegangen und hat den Leuten gesagt: Meinem Sohn wird sicher etwas einfallen. Helft ihm, tut, was er sagt. Es wird schon eine Lösung geben. Ich glaube manche haben gedacht: Bah, die Frau ist vielleicht närrisch mit ihrem Sohn. Aber ich habe mir gemerkt, was Philippus einmal gesagt hat: So kann Glauben sein. Wie bei Maria. Es war als hätte sie versucht, Gott zu helfen, ihm die Steine aus dem Weg zu räumen, ihm die Tür aufzuhalten. Sie wußte ja nicht, wie die Lösung aussehen sollte. Aber sie glaubte und redete als ließe sie Gott gar keine Wahl. Und es kam so. Jesus handelte ohne viel Aufsehen, er ließ nicht die leeren Weinkrüge und die Aufmerksamkeit der ganzen Meute einsammeln. Sondern mit den abgestellten Waschkrügen schickte er die Diener los. Die taten auch, was er sagte, Maria hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Vielleicht brauchte Jesus auch den Glauben seiner Mutter, mit dem sie ihm die Tür geöffnet hat. Die Diener hätten auch sagen können: Meister, der Wein ist alle, wir haben jetzt Wichtigeres zu tun als Waschkrüge zu füllen. Und dann gab es Wein in Fülle. Insgesamt müssen es so um die 600 Liter gewesen sein, sehr guter Wein. Das Fest ging noch lange weiter. Und es war wirklich ein sehr schönes Fest. Wir hatten in unseren Herzen das Gefühl von der Fülle des Lebens. Das ist noch viel mehr als voll zu sein vom Wein. Die Fülle des Lebens macht nicht besoffen, sondern frei. Ich habe mich hinterher manchmal gefragt, wieviel braucht man für diese Fülle? Wieviel muß man haben, damit das Viele die Gier aufhören lässt? Damit die Menschen großzügig und offen werden, dass aus Neid Freude mit dem anderen und aus Schadenfreude Anteilnahme wird, aus Feindschaft Respekt und Achtung vor dem anderen? Und ich glaube: so geht das nicht. Die Menge allein machts nicht. Es ist der Geist, der die Fülle macht. Welcher Geist?, fragte Ruben und dachte vielleicht an ein Gespenst. Manchmal redete sein Vater so kompliziertes Zeug. Das war in der Gemeinde auch so. Aber jetzt lachte er und tippte sich an die Stirn und an das Herz. Hier drin ist das. Weißt du, wir sind in unserem Leben immer damit beschäftigt, uns Gedanken zu machen, was zu viel und was zu wenig, was genug ist. Du zum Beispiel, du mußt deine Hausaufgaben machen und deine Mutter achtet genau darauf, dass du auch alles machst. Aber wenn du fertig bist, dann kannst du spielen. Und manchmal ist es dann, als ob du alles um dich herum vergißt und frei bist, alles zu sein, was dir gerade einfällt. Das ist Fülle, das ist Leben. Und die ist im Herzen und im Kopf, die schenkt der Geist. Und wer diese Fülle erfährt, dem gehen auch oft die Hausaufgaben schneller von der Hand. Jesus hat die Menschen freigelassen, hat ihre Herzen und Gedanken berührt und erfüllt: es ist alles da! Es ist zwar nur in Waschkrügen, nicht in Kristallkaraffen, aber es reicht bis an den Jüngsten Tag. Das hat die Menschen verändert. Ruben dachte an den Weinkrug und wie Tante Mu aussah, als sie sagte: Er hat scheußlich geschmeckt. Man kann die Wunder seines Lebens nicht aufsparen. Aber man kann sich daran erinnern und in seinem Herzen darauf warten, dass es wieder geschieht. Man kann Gott vielleicht sogar die Tür öffnen, wie Maria, die mit ihrem Glauben Gott fast genötigt hat. Und man kann auf Jesus sehen, der die Menschen freigelassen hat. In der Gemeinde erinnert sein Vater Nathanael immer an Jesus der mit seinen Jüngern Brot und Wein teilte und deutlich machte: Mein Leben teile ich aus, nehmt es in euch auf, die Fülle des Lebens, die freimacht und neu macht und reicht bis an den Jüngsten Tag.
|
Predigt am Neujahrstag 2009
Johannes 14, 1-6; An diesem Tag wurde das 10-jährige Bestehen der Kirchgemeinde begangen.
1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. 4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. 5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Liebe Gemeinde, so ging es vor 10 Jahren los: “Auf dem Glatten rutscht alles aus. Auch der liebe Gott fällt hin. Denn die gerade Linie ist gottlos. Die gerade Linie ist die einzige unschöpferische Linie. Die einzige Linie, die dem Menschen als Ebenbild Gottes nicht entspricht ... Alle freuen sich, nach Hause zurückzukommen. Denn das Haus funkelt im Sonnenschein und im Mondlicht. Es hat Brunnen und man kann im Grünen sitzen. Und man blickt mit Wohlgefallen auf die lebenden Mauern und auf die lebenden Fenster, die man selbst gestalten darf, hinter denen man wohnt.” Das ist zunächst keine Beschreibung des Hauses mit vielen Wohnungen, sondern es ist eine werbewirksame Beschreibung des Hundertwasserhauses in Wien. Aber könnte es nicht auch unser Zuhause bei Gott - und vielleicht auch unsere Gemeinde beschreiben? Bei Gott ist Raum für uns, für jeden und für alle ein eigener, lebendiger, passender Raum, wo ich zu Hause sein kann - und unsere Gemeinde ist auch eine Baustelle, wo immer wieder neue Räume und Räumchen entstehen, auch mit ungeraden Linien und es wäre schön, wenn sie auch in Zukunft für viele verschiedene Menschen, ein Ort geistlicher Heimat und menschlicher Gemeinschaft sein könnte. Hören Sie bitte genau hin: paradiesische Assoziationen mögen für das Himmelreich und für das Hundertwasserhaus angemessen sein: für eine Kirchgemeinde sind sie es nicht. 3 Punkte hatte die Predigt damals und hat sie heute: 1. Abschied und Blick in die Zukunft 2. Viele Wohnungen und der eine Herr 3. Der Weg ist das Ziel und ist doch nicht das Ziel Die Predigt vor 10 Jahren war eine stinknormale Neujahrspredigt, die erst am Ende auf das Thema Gemeindevereinigung quasi in zwei Sätzen zu sprechen kam. Wir waren damals am Ende, konnten kaum noch etwas hören von dem dauernden Reden und Diskutieren über uns selber und die Gemeindevereinigung. Und nicht nur das, die Predigt erinnerte auch daran, dass der Schriftabschnitt aus dem Johannesevangelium bei Beerdigungen gebräuchlich ist. Und so sahen auch manche den Kirchenvorstand damals: als Totengräber der Gemeinden. Es war Abschied und Neubeginn. Es war Abschied von den Zeiten der einzelnen Gemeinden, aber auch Abschied von Menschen. Umgehend oder über einen gewissen Zeitraum haben Menschen der neuen Gemeinde ihren Rücken gekehrt, oder haben sich rar gemacht. Menschen, die über lange Zeit das Gesicht der einen oder der anderen Gemeinde mitgeprägt hatten. Kirchvorsteherinnen, Kirchvorsteher, treue Gottesdienstbesucher, manche haben diesen Weg nicht mitvollzogen und traten stärker in den Hintergrund. Wir, die Pfarrer und Hautpamtlichen, haben es nicht geschafft, jedem dieser Menschen nachzugehen. Das ist einer der wunden Punkte. Wir wurden weniger. Im ersten Jahr der vereinigten Gemeinde war die Zahl der Gottesdienstbesucher etwa 85 % derer, die vorher den Gottesdienst in beiden Kirchen besuchten. Und die Zahl ging weiter zurück auf fast 2/3. Aber dann nahm sie wieder zu. Nach fünf Jahren waren die Beteiligung wieder so hoch wie 1998 zusammengenommen. Im letzten Jahr kamen deutlich mehr Menschen in den Gottesdienst als vor zehn Jahren in beide Kirchen zusammen. Abschied hieß auch Abschied von Mitarbeitenden, Personalabbau: Direkt betroffen waren drei Mitarbeitende der ehemaligen Michaelisgemeinde, indirekt betroffen auch zwei Mitarbeitende der ehemaligen Friedensgemeinde, die mit dem Eintritt in den Ruhestand ausschieden. Das war ein schwieriger Prozess für zwei Pfarrer im Probedienst und ein Gemeindeleitungsgremium, das aus lauter Ehrenamtlichen besteht. Wir sind froh, dass wir uns mit allen diesen Menschen auch heute noch freundlich grüßen können. Aber bei allem Abbau hat die Gemeindevereinigung etwas bewirkt, was der Gemeinde sehr zugute kommt: ein vielseitiges Mitarbeiterteam: mehrere Pfarrer, einen sehr guten Kantor, Pädagogen, Sozialarbeiterin, Verwaltungsmitarbeiter, Küster. Und es ist gut, dass es nach allen Kürzungen jetzt auch gelingt, dass wieder neue Arbeit entstehen kann: Im letzten Jahr mit der Projektstelle von Frau Badstübner für Arbeit mit Kindern und Familien. In diesem Jahr entsteht ein neues Arbeitsgebiet mit einer zusätzlichen halben Stelle im Gemeindebüro. Und perspektivisch wird vielleicht auch in der Kulturkirche "Friedenskirche" neue bezahlte Arbeit entstehen. Und auch im Blick auf die Friedenskirche haben wir gesehen, es gab Abschied und Neuanfang. Nicht nur Mitarbeiterstellen wurden reduziert, sondern auch im Blick auf die Gebäude wurden neue Wege angebahnt. Denken Sie: als die Friedensgemeinde im 19. Jahrhundert eigenständig wurde, hatte sie 5000 Mitglieder. Als die Michaelisgemeinde 30 Jahre später eigenständig wurde, hatte sie 11000 Mitglieder. Unsere Gemeinde heute hat mit wachsender Tendenz vielleicht 3200 Mitglieder. Dennoch, der Beschluss, die Gemeindearbeit zu konzentrieren auf eine Kirche und ein Gemeindezentrum, der richtig war - denke ich - hat auch Kräfte mobilisiert, die dem entgegengehalten haben: wir können die Friedenskirche nicht einfach zuschließen. Und so ist, auch durch die Arbeit des Vereins Friedenskirche Leipzig Gohlis e.V. in den letzten 10 Jahren mehr für die bauliche Erhaltung der Friedenskirche getan worden als in vielen Jahren vorher möglich war. Und sie hat sich zu einem eigenständigen, gefragten und beliebten Veranstaltungsort entwickelt. Wir wünschen uns, dass dieser Weg weitergeht und dass die Friedenskirche als Kulturkirche ein Ort wird, an dem auch die Gemeinden über ihre bisherigen Grenzen hinaus ausstrahlen kann. 2. Viele Wohnungen und der eine Herr Jetzt habe ich schon lange über die Gemeinde geredet. Und manche sagen vielleicht: Solche Reden kenne ich doch. Die werden überall gehalten. Wo ist denn nun das Besondere? Wir sind eine Kirchgemeinde und unser Auftrag ist, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Das geschieht auf sehr vielfältige Weise mit Worten, mit Musik, mit Spiel und im Gespräch, im Gebet. Im Großen und im Kleinen. Ich weiß: es ist nicht immer das Evangelium, das bei jedem Einzelnen ankommt. Aber ich weiß auch, es kam immer auch Evangelium bei Einzelnen an. Menschen haben das Wort Gottes für ihr Leben erfahren können, sind getröstet, gestärkt, erfreut ihre Wege weitergegangen - neben anderen, die gelangweilt blieben oder zornig und verärgert waren. Dass Gott selbst in Jesus Christus durch das Wirken seines Geistes das Haus baut, die Wohnungen und die ungeraden Linien zusammenhält, das ist unser Glaube. Wir wollen dem unseren Dienst und unser Gebet möglichst nicht in den Weg, sondern zur Verfügung stellen. In lebendigen Gottesdiensten, die wir miteinander feiern, mit allen Diensten und Gaben, die wir aufzubringen haben. Manchmal höre ich die Klage: Gibt es eigentlich auch mal einen ganz stinknormalen Gottesdienst? In dem mal niemand getauft wird, aufgenommen wird und was sonst noch alles im Gottesdienst passiert. Das verstehe ich. Aber zugleich: Ist es nicht herrlich, die Vielfalt des Lebens und der Gemeinde in den Glauben und den Gottesdienst hineinzuziehen? Damit wir auch in der Vielfalt unseres Alltagslebens auch in diesem neuen Jahr durch den Glauben gestärkt unseren Weg gehen können. Darum ist es doch schön, dass die allermeisten der 45 Menschen im letzten Jahr, 8 davon waren Etwachsene, nicht im privaten Rahmen, sondern im Gottesdienst getauft wurden und dass auch der Rest des Lebens genügend Platz findet. Der Glaube ist keine Sonderprovinz in unserem Herzen, sondern eine Dimension unseres ganzen Lebens. Dennoch möchte ich sagen und wünschen, dass wir an dieser Stelle in den kommenden Jahren aufmerksam bleiben: Wie werden und bleiben wir sprachfähig über unseren Glauben. Wie bringen wir das vor Gott? Es gibt einen ganz kleinen Kreis von Menschen, die regelmäßig öffentlich für die Gemeinde beten. Das möchte ich hervorheben. Aber sprachfähig auch zu den Menschen: die neben uns leben und die neu zur Gemeinde kommen. Wie wird das erfahrbar, dass die vielen verschiedenen Wohnungen zu einem Haus und zu einem Herrn gehören? 3. Der Weg ist das Ziel und ist nicht das Ziel Der Weg ist das Ziel. So ähnlich sagt es Jesus zu Thomas: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Im Weg mit Jesus auch durch die dunklen Erfahrungen von Abschied und Neuanfang hindurch ist die Wahrheit und das Leben. Das ist es, was wir zu bezeugen haben. Auf dem Weg der Liebe und der Barmherzigkeit kommen wir der Wahrheit und dem Leben näher. Auch wenn das Ziel uns fern bleibt und bleiben wird. Dennoch: wir sind auf dem Weg mit Jesus und das ist Grund genug, die Wahrheit und das Leben immer im Blick zu behalten. Als eine der belastendsten Erfahrungen der vergangenen Jahre habe ich immer wieder eine gewisse resignative Grundstimmung empfunden: Es wird sowieso nichts! Es hat keinen Sinn, große Hoffnungen zu wecken. Wir können sowieso nichts tun! Wir sind nur das Opfer von Entscheidungen, die an ganz anderem Ort gefällt werden. Diese Empfindungen haben sich in vielem als nicht zutreffend erwiesen, zumindest im Blick auf die vergangenen 10 Jahre. Und es gibt keinen Grund, sie zum Vorzeichen für die nächsten 10 Jahre zu erklären. "Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!" Das soll für unsere Gemeinde gelten. Und das soll jedem einzelnen von Ihnen für ein gesegnetes Jahr 2009 gelten. Gehen Sie mit Gott und in dem festen Vertrauen, dass wir bei ihm ganz persönliche und lebendige Wohnung haben. Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.
|
Predigt am 24. Sonntag nach Trinitatis
Prediger 3, 1-14
1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. 9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. 10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. 11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 12 Da merkte ich, dass es anichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. 13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. 14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. Liebe Gemeinde, "Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln - Steine zerstreun, Bäume pflanzen - Bäume abhaun, Leben und Sterben, und Frieden und Streit." Ein Bibelwort, das auch zu DDR-Zeiten aus dem Radio zu hören war, wenn die Pudys sangen: "Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit ... dass er geht." Ich denke, dass dieses Gedicht und diese Worte ganz unterschiedlich wirken können auf verschiedene Menschen: die einen finden diesen Text poetisch und weise. Andere beklemmt er und macht ihnen Angst - wie "Sargnägel" hat einer gesagt, hämmert das immer wiederkehrende Wort Zeit das Gehäuse unseres Lebens zu. Aber die Runde der Bibelstunde war einer Meinung: Das ist ein Trost - nichts ist für immer, alles hat seine Zeit, das macht mir Luft zum Hoffen und Leben und Widerstehen. Ich lade Sie ein, dass wir in die Gedanken Qohelets ein wenig hineinhören. I Es beginnt eigentlich mit einem Traum. Stell dir ein Leben vor, in dem dir keine Grenzen gesetzt sind. Manchmal scheitert das Glück unserer Tage ja daran, dass es zu wenig von irgendetwas gibt: zu wenig Geld für eine hellere, größere Wohnung, zu wenig Hausangestellte für Glanz und Duft rundherum, zu wenig Muße um über Büchern und Vorträgen klug zu werden, zu wenig Sonne, zu wenig Musik und Tanz, zu wenig liebevolle Menschen. Stell dir aber ein Leben vor, in dem du alles haben kannst, so wie du es brauchst und wünschst! So hat es Qohelet gemacht: Ich war der König über Jerusalem und ganz Israel, in einem Palast voll mit Schätzen und Weisheit und Vergnügungen. Ich habe mir keine Schönheit entgehen lassen und keine Weisheit und keinen Genuss. "Was immer meine Augen verlangten, versagte ich ihnen nicht. Meinem Herzen verweigerte ich keine einzige Freude, ja mein Herz freute sich an meinem ganzen Besitz, und das war mein Anteil an meinem ganzen Besitz." Wie ein König leben, durch reichen und rechten Gebrauch der Dinge dieser Welt glücklich werden. Das war der Traum des Königs Qohelet. Und vielleicht ist es ein Traum, der uns bekannt vorkommt. Es ist ja eigentlich alles da, um glücklich zu sein, es müßte nur ein bißchen anders angeordnet sein. Beziehungsweise, dies und jenes müßte ich mir nur noch schnell besorgen - aber da stand gerade so eine schöne Anzeige in meinem Magazin. Interessanterweise kommt das Wort Gott in diesem Traum Qohelets nicht einmal vor. Wozu auch? Wozu braucht man Gott, wenn alles da ist? Gerade auf dem Höhepunkt der Pracht und Macht kommt Qohelet der Verdacht: Alles ist eitel. Windhauch, Luftgespinst. Was du in deinem ganzen Leben gesehen und genossen und aufgebaut hast. Lass nach dir einen Tölpel kommen und alles ist dahin. Was ich am Ende trotz allem nicht finden kann: bleibendes Glück. II Alles hat seine Zeit - Annahme der Gegenwart Am Ende hat er dies eingesehen. Ich weiß nicht, ob wir da mitgehen würden. Oder ob wir sagen würden, bei mir wäre das sicher anders. Jedenfalls, Quohelet stellt noch weitergehende Fragen. Wenn es so ist, ist unser Leben dann eigentlich ein gutes Geschäft? "Welchen Gewinn hat der Mensch, der etwas tut, bei dem womit er sich abmüht?" Ist es von vornherein faul? Hat es von vornherein einen Haken? Du kannst dich abmühen und alles richtig machen, aber was bringts? Für manche Menschen ist das eine typische religiöse Sicht: überall das Schlechte entdecken, das drin steckt. Aber für Qohelet ist das keine Miesmacherei, sondern er sagt, selbst wenn ich alles auskosten könnte, am Ende bleibt die Frage: Ist unser Leben nicht ein schlechtes Geschäft und ein sinnloses Haschen nach Wind? Das Gedicht über die Zeit bringt einen Wechsel in seinem Blick und auf einmal kommt Gott ins Spiel. Zunächst ganz indirekt: in der Form und in der Unverfügbarkeit. Alles hat seine Zeit - das ist jetzt nicht einfach eine Aufzählung, sondern ein Gedicht mit einem kunstvollen Aufbau. Sieh es so oder sieh es so, sieben mal vier Aspekte, in jede Himmelsrichtung sieben - damit ist das Ganze gemeint. Und es beginnt mit einer Grundgegebenheit unseres Lebens: geborenwerden und sterben - dem kann niemand entkommen, das kann niemand in seiner Hand haben, das Leben ist nicht allein in unserer Verfügung. Sondern es ist Zeit, die uns gegeben ist und die nicht an einem Punkt, sondern im Ganzen auf ein Vollkommenes zusammenläuft. Ist es das? Ist es der Blick auf das Ganze, der Blick aus der Distanz, der Rückblick, der Qohelet auf die Spur Gottes bringt und die Sache neu sehen lernt: Es ist nicht ein schlechtes Geschäft, unser Leben, sondern Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit und den Menschen die Ewigkeit in ihr Herz gegeben." Es hat keinen Sinn, der fliehenden Zeit entkommen zu wollen oder sich selbst Dauer zu verleihen. In der Erfahrung der Gegenwart, meiner ganz besonderen Zeit, in der Erfahrung des Guten und des Schweren bekomme ich eine Ahnung von Gottes Ganzheit, aus der alle Zeit fließt und von dem alle Zeit auf den Menschen zukommt. III Glück ist ein Geschenk Gottes - Berührung der Ewigkeit Dennoch: dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit. Ist das begründet? Zählt nicht das Gedicht bewußt gegensätzlich gute und böse Dinge auf? Kann das im Ganzen dennoch schön sein? Kann selbst dem Bösen und Schweren ein versöhnender Sinn zukommen? Gott hat dem Menschen den Sinn für die Ewigkeit ins Herz gegeben, nur dass der Mensch nicht ergründen kann, das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Wir bekommen eine Ahnung von der Ewigkeit, aber begreifen können wir sie nicht. Dazu gehört auch, dass ein Mensch wirklich glücklich sein kann in seinem Leben, obwohl alles eitel und vergänglich und Windhauch ist. Das ist eine Ahnung der Ewigkeit und, wie Qohelet sagt, ein Geschenk Gottes. "Denn ein Mensch, der das isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes." Das Glück und die Freude am Leben ist ein Geschenk Gottes und sie hängt nicht in erster Linie an dem, was wir aus uns machen. IV Weisheit und Glaube Folgen wir Qohelet in seinen Gedanken und Erfahrungen oder nicht? Sie sind bedenkenswert. Sie erinnern uns vielleicht sogar an eigene Gedanken und Wünsche. Aber sie sind auch nur eine Stimme. Eine wichtige: die Stimme der Weisheit. Die Stimme der tiefen menschlichen Lebenserfahrung. Und das ist eine starke Stimme und, was das schönste ist: eine alle verbindende Stimme. Sogar die Pudhys singen sie im Radio. So war das auch schon vor tausenden von Jahren. Ähnliche Weisheitstheologie gibt es in ganz verschiedenen Quellen und man kann sie über Kulturgrenzen hinaus verstehen. Das ist faszinierend. Aber es bleibt dennoch eine Frage: Wo bleibt die Weisheit, wenn die Zeit aus den Fugen fällt? Es gibt Situationen im Leben, da geht es um mehr als um erfüllte oder unerfüllte Träume, gelingende oder nicht gelingende Gedanken. Da steht alles auf dem Spiel. Und wer einen Menschen verloren hat, weiß vielleicht, wie verletzend der Satz sein kann: im Großen Ganzen hat das einen Sinn. Es wird schon wieder, vielleicht war es gut so. Nein, es war nicht gut so! möchte ich dann vielleicht schreien. Es gibt Momente, da sind wir mit unserer Weisheit am Ende. In gewisser Weise gilt das ja auch von Qohelet, der König "war" und sein Königsdasein aufgegeben hat. Die Bibel geht an anderer Stelle noch weiter und sagt: Gott selbst hat sein Königsdasein aufgegeben, um uns Menschen in den tiefsten Tiefen unseres Lebens und Sterbens nahe zu sein. Gott wacht nicht einfach in seinem himmlischen Palast über die herrliche Vollkommenheit aller Dinge, sondern er erträgt und durchleidet mit uns die bitterste Unvollkommenheit, er hört unsere Klagen und vernimmt unsere Gebete in der Tiefe. Und lädt uns ein zum Glauben an die Auferstehung durch die Tiefe hindurch. Welche Stimme der Bibel, welches Wort des Glaubens, welcher Weg für mich jetzt gerade dran ist: vielleicht hat jeder seine Zeit und seine besondere Stunde und Stärke. Aber ich wünsche Ihnen, dass Sie zur richtigen Zeit ein Wort Gottes für sich finden.
|
Predigt zum Michaelisfest
Psalm 91; in diesem Gottesdienst fand eine Kindertaufe und eine Einsegnung zur Ehe statt.
Glauben wie Kinder. Träumen wie Kinder. Vertrauen wie Kinder. Geht das noch? Einfach einmal König sein und die Welt umbestimmen. Oder Prinzessin und mit wehendem Gewand Glanz versprühen. Als Braut und Bräutigam entschlossen und frisch ins Glück marschieren. Auf Händen getragen durchs Leben kommen. Mit reinem Herzen - zumindest manchmal - und offenem Vertrauen in die Zukunft blicken. "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest." Natürlich geht das, an einem Tag wie heute, an dem es um Worte für immer geht. Bei der Taufe von Johannes, wie bei der Taufe aller, die getauft sind: Gott sagt Ja zu dir. Mit reinem Herzen und gewissem Geist sollst du leben können aus dieser Zusage. Und bei der Hochzeit, beim Segen für Eure glückliche Ehe und Familie. Das ist ein Geschenk des Lebens an euch, das ihr immer wieder dankbar annehmen dürft. So ist es, in guten und schweren Zeiten, Euer Weg, der Euch gegeben ist und ihr seid nicht allein auf diesem Weg. "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest." Natürlich kann man so glauben und reden an so einem Tag. Wie ein Kind. Aber das ist nicht real. Wie man so schön sagt. Das ist nicht die Wirklichkeit, das ist nur der Glaube. Das richtige Leben sieht anders aus, da muß man auf eigenen Füßen stehen. Und genau das haben auch die Menschen erfahren, denen dieser Psalm zuerst gebetet wurde, denen dieser etwas sagenhafte Zuspruch gemacht wurde. Ich lese ein paar Verse in Auswahl aus Psalm 91: 1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, 2 der spricht zu dem HERRN: / Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. 3 Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest. 4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, / und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 5 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, 6 vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt ... 11 Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, 12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. 13 Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten. Ich denke, da steckt fast ein wenig zu viel Realität drin für den guten Geschmack. In dem was da anklingt: Grauen der Nacht, aber auch am Tag fliegen die Pfeile und stehen die Fallen. Vielleicht sind die Bilder sehr drastisch und vielleicht ist auch die Wirklichkeit dieser anderen sehr drastisch. Aber vielleicht kenne ich auch die Drachen, die mein Leben zu verheeren drohen. Angst und Überforderung, oder Unzufriedenheit? Die Monster haben viele Gesichter und ich muß sie nicht in die Luft malen, wer sie kennt, weiß ihre Namen. "Er hat seinen Engeln befohlen..." Ein Zuspruch des Vertrauens, vielleicht nur so luftig wie der Glauben, oder nur so träumerisch wie die Phantasie eines Kindes. Aber lebensnotwendig. Gerade in Tiefen des Lebens entdecken zu können: Gott öffnet mir wieder ein Fenster zum Leben. Er schenkt Vergebung und Freiheit. "Schaffe in mit Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist." Davon kann ich immer wieder und immer neu leben. Vertrauen wie ein Kind. Der erwachsene Jesus hat diesen Glauben erstaunlicherweise einmal offen abgelehnt. Am Anfang seines öffentlichen Auftretens und nach einer längeren Zeit in der Wüste führte ihn einer auf die Tempelmauer und meinte: Spring doch hinab, denn es steht geschrieben: "Er hat seinen Engeln befohlen..." Jesus sagte, du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen. Das Leben und der Glauben geht nicht an uns vorbei, sondern durch uns hindurch. Dass Eure Ehe eine gute Gabe Gottes und ein Geschenk des Lebens an Euch ist, das soll nicht nur einmal heute feierlich in der Kirche erklingen und in eine Urkunde eingetragen werden. Das wird durch Euer Leben miteinander klingen, durch Eure Liebe und wie Ihr Euch gebt. Das werden Ihr spüren können, wenn Ihr merkt, dass Eure Kinder sich zu Hause sicher und aufgehoben fühlen und stark werden dadurch. Das merkt Ihr schon lange in Eurer Freude daran, manchmal einfach loszugehen, z.B. im Urlaub, und unterwegs zu erleben, es ist immer genug für jeden von uns dabei. Keiner kommt zu kurz. Das wünschen wir Euch, dass das so bleibt und dass Ihr es nicht vergesst, wenn es einmal knirscht. Euer Trauspruch klingt ein wenig nach Knirschen. "Versöhnt Euch wieder miteinander, bevor die Sonne untergeht." Könnte nach Streit klingen. Oder einfach danach: wir sind sehr unterschiedlich, in manchem gegensätzlich und gehören doch zusammen. Ob am Abend Kerzen entzündet werden müssen, ob man an das Leben mehr mit dem Herzen oder eher mit logischer Rationaliät herangeht, das seht ihr verschieden, auch in welcher Weise der Glauben wichtig ist fürs Leben. Große und kleine Dinge, deren Unterschiedlichkeit ihr aushalten könnt, die dem nicht im Wege stehen, dass Ihr Euch ganz und wirklich annehmt als die Ihr seid. Versöhnung kann eben auch das heißen, mit der Verschiedenheit, sogar mit Schmerz und Verletzung leben können, weil wir wissen, es trägt uns eine viel tiefere Gemeinsamkeit, unsere Liebe, das Leben, die Engel Gottes. Wir wünschen Euch, dass Ihr das immer wieder spürt, und auch zugespielt bekommt von Euren Freunden und Familien. Denn wir wissen, der Glaube geht nicht an uns vorbei, sondern durch uns hindurch. Der erwachsenen Jesus hat den Glauben an die Hände der Engel einmal abgelehnt, aber er hat diesen Glauben seinen erwachsenen Jüngern zugetraut. Er sendet sie aus und sagt ihnen bei Lukas: "Seht ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione." Das Vertrauen ist kein Rezept, der Glaube ist kein magischer Trick, den ich in meinem Köcher sammeln könnte. Und doch steckt in diesem Geschenk eine Kraft, die stark und mutig macht und auch vor Schwierigkeiten nicht zurückschrecken muß. "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen ..." Kommt es darauf an, die Engel immer gleich zu erkennen? Die Boten Gottes, die uns begleiten, die uns stützen oder die uns in den Weg treten? Die uns Sicherheit geben oder die uns klar machen: wenn du es mit Gott zu tun bekommst, dann rührt das an das Leben selbst. Sei vorsichtig! Euch ist nicht zugesagt: Ihr werdet Engel sein. Aber Euch ist gesagt: Sehr gut, was ihr seid, sehr gut, was Ihr miteinander seid. Und was ihr füreinander tun könnt, das läßt den Glauben und das Wort des Lebens auch durch Euer Leben hindurchgehen und Euch zu Boten Gottes werden. Aber vielleicht ist es ja gut, dass wir die Engel Gottes nicht gleich erkennen, die sanften nicht und die schauerlichen nicht. Sondern dass wir wagen, wie Kinder und wie Erwachsene zu vertrauen: "Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen." Amen.
|
Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis
Epheser 4, 1-6; im Anschluß an diesen Gottesdienst fand die Kirchenvorstandswahl statt
1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: 4 ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; 5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; 6 ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen Liebe Gemeinde, "Kirche sind wir" - das ist das Motto, das uns seit Wochen begleitet und über den Kirchenvorstandswahlen steht, die heute in vielen Gemeinden unsere Landeskirche anstehen. Auch hier in der Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde. "Kirche sind wir", alle Frauen und Männer, die zur Gemeinde gehören, die Konfirmierten von 14 Jahren an. "Kirche sind wir", darin klingt sicher nicht zufällig ein Ton mit, den wir aus der Zeit der Wende von vor fast 20 Jahren noch im Ohr haben: "Wir sind das Volk". Wir möchten gefragt werden und unsere Vorstellungen mit einbringen. Aber zumindest in Teilen hat diese Formel auch noch einen anderen Klang. "Kirche sind wir", darin ist auch etwas freundlich verpackt die Aufforderung enthalten: "Kirche seid ihr - macht mit". So wie das zu jeder Wahl gehört, die Wählerinnen und Wähler zu ermuntern, aber natürlich auch darüber hinaus. Gebt mit Eurer Person der Kirche Fleisch an die Knochen und diesem vielgestaltigen Leib Kraft und Beweglichkeit. Kirche sind wir und Kirche seid ihr, in beiden Varianten schwingt das Bewußtsein, dass Kirche nicht einfach eine schwerfällige Rieseninstitution sein kann, sondern dass sie in der Lebendigkeit und dem vielfältigen Glaubenszeugnis verschiedener Menschen und Gemeinden lebt. Die Einheit der Kirche und ihre Identität kann keine Herrschaft von oben durchdrücken, sondern sie muß aus dem Leben von unten erwachsen - auch wenn die Erfahrung ist, dass von unten auch Streit und Konflikt erwachsen. Haben Sie das Schriftwort aus dem Epheserbrief noch im Ohr? Haben Sie gespürt, wie das Ermahnen und Ringen und Werben um die Einheit schon damals aktuell war? Und was haben Sie empfunden dabei? Eher die etwas bedrängende Aufforderung: sei nicht allzu auffällig, füge dich ein, gib Frieden. Oder eher die beflügelnde Vision: was uns verbindet und trägt ist viel kräftiger und reicher als das Trennende, das uns manchmal Mühe macht. Kirche heißt im Neuen Testament "ekklesia" und kann einfach so etwas wie Volksversammlung heißen. Aber man kann auch den Wortstamm dieses Worts bedenken: "berufen, herausgerufen", der in unserem Schriftabschnitt ganz am Anfang steht: Lebt eurer Berufung würdig, mit der ihr berufen seid. Wie soll das gehen? Wie leben wir als Kirche unserer Berufung gerecht? Ich erlaube mir, heute noch einmal auf das Diskussionspapier "Kirche der Freiheit" Bezug zu nehmen, weil darin die Evangelische Kirche angestoßen ist, in diese Richtung zu denken. Ganz kurz: es geht um eine Perspektive bis 2030. Wenn man die heutigen Verhältnisse einfach hochrechnet, könnte sich allein durch den demographischen Wandel die Zahl der evangelischen Christen bis dahin nahezu halbieren. Wenn das nicht einfach Rückzug bedeuten soll, dann müssen wir hoffen, dass es gelingt zu "Wachsen gegen den Trend". Und das Papier sieht dafür vier Themen, in denen Aufbruch gefordert ist: a) an erster Stelle stehen die kirchlichen Kernangebote, das heißt, wie das Glaubensthema und die Verkündigung zur Sprache kommen sollen, wie Menschen geistliche Heimat und Glaubensorientierung finden. b) das zweite Thema ist die Ausrüstung und die Motivation der Mitarbeitenden, die nicht nebeneinander und gegeneinander, sondern ihren Gaben entsprechend miteinander arbeiten dürfen. c) das dritte Thema ist Aufbruch beim kirchlichen Handeln in der Welt, Diakonie und Teilnahme an der gesellschaftlichen ethischen Diskussion. Das ist ein Thema, das wurde in den Kandidatenrunden diskutiert, das in der sächsischen Aufnahme der Zukunftsvision etwas unter den Tisch fiel. d) schließlich geht es um die kirchliche Selbstorganisation, Aufbruch könnte dort heißen, dass es 2030 vielleicht weniger Landeskirchen geben könnte als heute, weil sie sich zusammenschließen. Natürlich ist so ein Impuls dafür da, dass ihm auch widersprochen wird. Ich denke zum Beispiel, dass die ökumenische Dimension oder auch die europäische Dimension ganz vergessen wurde, und auch im Blick auf das soziale Engagement kann man Fragen haben. Aber ich denke, bei allem Widerspruch darf man nicht der Gefahr erliegen, alles zu zerreden und am Ende dazustehen: Hat doch sowieso keinen Sinn. Lasst es laufen. Dass die Kirche begonnen hat ganz bewußt wieder nach ihrer Berufung zu fragen, finde ich großartig. Und es ist ein Mandat, sich einzumischen und mitzureden und hier zu überlegen: wie ist das bei uns? Wer sind wir als Kirche in Michaelis-Friedens, als Kirche in Leipzig? Kirche der Freiheit nicht im Sinne von Kirche der Beliebigkeit, sondern der Freiheit vieler Christenmenschen, die freie Herren und Herrinnen aller Dinge sind und zugleich dienstbar und verpflichtet gegen ihre Nächsten. Aber das beginnt mit dem ersten Themenkreis: dem Glaubensthema. Lebt eurer Berufung würdig, das bezieht sich auf die Suche und auf die Begegnung jedes einzelnen mit dem Glauben an Gott in Jesus Christus. Und das sichtbare Zeichen dafür ist die Taufe. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, das klingt sehr abgeschlossen, aber es ist doch ein lebenslanger Weg, auf dem das immer wieder ausbuchstabiert werden möchte. Ein Herr über den vielen Herrschaften, die nach mir greifen, der mir hilft richtige und falsche Loyalitäten zu unterscheiden. Ein Glaube, "die Tür zum Leben bleibt offen", der mir in den manchmal bedrohlichen Szenarien des Lebens den Mut zum Vertrauen geben kann. Eine Taufe, Gott hat sich zu mir bekannt und steht zu mir, damit seine Güte durch mein Leben hindurchscheinen kann und ich zu ihm stehe. Das kann Jasper jetzt so noch nicht kauen, aber das kann er aufnehmen aus der Liebe, dem Glauben, der Hoffnung, die Sie leben. Das kann er herausspüren aus den Geschichten des Glaubens, die Mut zum Vertrauen machen. Und er kann dafür eigene Worte finden und eigene Wege, seine Berufung für sich und in der Gemeinschaft zu leben. Wenn es gut geht, werden Sie übereinander staunen und voneinander lernen auf diesem Weg. Mit ihrem Kind neu fragen lernen, anders beten lernen, ihren eigenen Glauben neu verstehen. Kirche hat in den Häusern und Familien angefangen im Urchristentum. Kirche der Freiheit beginnt mit Menschen die Freiheit erfahren im Vertrauen, dass sie angenommen sind bei Gott, im Zuspruch, dass ihnen vergeben ist durch Jesus Christus und dass sie gestärkt und mit Gottes Geist begabt ihr Leben zu seiner Ehre leben dürfen. Paulus schreibt als der "Gefangene in dem Herrn" und er schreibt aus dem Gefängnis. Kein Ort, der ihn kleinlaut und stumm macht. Kein Ort, der plötzlich Wichtigeres bedeuten könnte, als darauf zu sehen: Achtet auf Eure Berufung, auf Euer Angesprochensein von Gott und Euer Ansehen bei Gott. Wir leben unser Leben als Christen und als Gemeinde nicht ohne Zwänge und Gefangenschaften, die uns bewußt oder nur halb bewußt sind. Das ist ärgerlich, aber es ist kein Grund, allein dabei stehen zu bleiben. Als Gefangener redet Paulus und doch frei, als Hinterfragter und Belächelter und doch aufrecht. Kirche der Freiheit hieße eben das, im Blick auf die Berufung zum Leben aus Gottes Gnade auch Vertrauen über die Widrigkeiten des Augenblicks hinweg zu wagen und wie ich sagen würde, in mutiger Demut, großzügiger Sanftmut und hoffnungsvoller Geduld an Gottes Wege zu glauben: ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.
|
Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis
1. Thessalonicher 5, 14-24; in diesem Gottesdienst fand eine Erwachsenentaufe und eine Einsegnung zur Silberhochzeit statt.
14 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. 16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. 19 Den Geist dämpft nicht. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt. 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun Liebe Gemeinde, Wissen Sie eigentlich, welche Kunst sich dahinter verbirgt, einen Wartebereich in einem Bahnhof oder auf einem Flughafen einfach und übersichtlich zu beschildern? So dass tausende von Menschen täglich möglichst schnell finden was sie suchen: Getränke, Toiletten, den Abfahrtssteig - manchmal auch so schnell wie möglich den Abfahrtssteig. Wenn es um Sekunden geht, braucht man nicht das Schild zum Kaffee, zum Friseur, sondern braucht den entscheidenden Hinweis auf Anhieb. Aber manchmal kommt man sich vor wie in einem Schilderwald, in dem man denselben vor lauter Schildern nicht sieht. Wie ging es Ihnen beim Verlesen des Schriftwortes für die Predigt? Haben Sie den zentralen Hinweis sofort herausgehört oder sich gefragt: Welche von den vierzehn Aufforderungen ist denn nun die Wichtigste? Wie ein Schilderwald von guten Ratschlägen. Manchmal kann man auch im Warteraum des Lebens in das Gewirr von Ratgebern und Hinweisen geraten: Vereinfache dein Leben! Mach doch einfach ab sofort alles richtig! Zehn-Punkte-Plan für 19.95 €. Sei nicht mehr dumm! Werde dünn! Sei du selbst! Schön wär's, wenn sich der richtige Hinweis auf Anhieb finden ließe. Aber wie finde ich aus den vielen Hinweisschildern im Wartebereich der Zukunft das richtige heraus? Die Frage kann man eben, wie gesagt, auch an Paulus und den Schriftabschnitt aus dem 1. Thessalonicherbrief stellen. I Angenommen ich komme als erwachsener Mensch zum Glauben, lasse mich taufen und soll jemandem erklären, was das Wichtigste ist, in meinem Leben als Christ. Worauf kommt es an? Betet ohne Unterlass - Tragt die Schwachen Meidet das Böse in jeder Gestalt Seid allezeit fröhlich II Die ersten Adressaten dieser Hinweise sind Christen in Thessalonich gewesen. Erste Anfänge des christlichen Glaubens in Europa. Eine kleine Gemeinde von Menschen, die in ihrer hellenistisch-heidnischen Kultur durch die Begegnung mit dem Glauben einen neuen Weg eingeschlagen haben. Sie haben sich von ihren Abgöttern abgewandt, sagt Paulus und Gott zugewandt. Dafür haben sie nicht nur Beifall geerntet, sondern auch Unverständnis und Schikane von ihren Mitmenschen. Aber Paulus ist voll des Lobes und der Freude über diese Gemeinde, die er auch gerne weiterempfiehlt. Die theologisch bedrängendste Frage hat mit der Erwartung der Zukunft zu tun: Jesus kommt wieder. Sehr bald. Wie kann man darauf vorbereitet sein? Kann man das verpassen? Paulus sagt: Es besteht kein Grund zur Panik. Man kann es nicht verpassen, sondern alle werden eingeschlossen. Wir wissen nicht, wann es passieren wird. Aber lebt so, dass ihr bereit seid oder werdet. Paulus nennt das Heiligung: Laßt Gott in Eurem Leben zum Zuge kommen. Laßt nicht allein Eure eigene Gier oder Eure eigene Angst Euer Leben leiten, sondern laßt Gott zum Zuge kommen: seine Gaben entfalten, seinen Maßstäben folgen, seinen Geist spüren und zulassen. Und ich denke, vor diesem Hintergrund steckt darin auch der entscheidende Hinweis in unserem Textabschnitt. Eigentlich keine Aufforderung etwas zu tun, sondern etwas zuzulassen: "Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus." III Was heißt das für uns Christen heute? Der christliche Glaube hat in Europa eine lange und wechselvolle Geschichte. Und es sieht so aus, als ob sich das Christentum auch mit verschiedenen Abgöttereien zeitweise ganz gut angefreundet hat. Und doch bleibt die entscheidende Suche für die einzelnen und für die Gemeinde: die Mitte behalten: Heiligung suchen. Es gibt so viele Hinweise und Imperative in unserem Leben. Es gibt so viele Dringlichkeiten. Aber was ist das Entscheidende. Paulus sagt uns: Im Warteraum des Lebens ist das Wichtigste, dass Gott die Zeit bestimmt. Er setzt den Anfang und das Ende, das heißt auch er sagt was der Sinn des Ganzen ist und welches Ziel alles hat. Alles andere ist mal wichtig und dann wieder nicht. Aber Gottes Zeit und seinem Sinn, seinem Ziel für mein Leben, für unser Leben nahezukommen. Das ist das Entscheidende. IV Aber dabei gibt es ein Problem: Wir können nicht wie früher glauben. Wir können nicht wie die Thessalonicher glauben. Wagen wir dennoch, die Mitte festzuhalten? Die Orientierung an Jesus Christus, der gestorben ist und auferstanden. Der Gewaltlosigkeit und Liebe für stärker hielt als Macht und Stärke. Der den Reichtum von Gottes Schöpfung für wichtiger hielt als Besitz und Geld. Der den Menschen mit Gottes Augen gesehen hat unter allen Verpackungen von sozialem Status, Erfolg, Rechthaberei, Gesundheit. Gott ist der Herr über die Zeit. Er hat den Anfang und das Ende unseres Lebens in seiner Hand, er hat meinem Leben einen Sinn gegeben und mir ein Ziel gesetzt. Das gibt mir Halt und Freiheit mit Leib, Seele und Geist danach zu suchen - oder besser zuzulassen, dass Gottes Wirken sichtbar wird durch mein Leben, durch unser Leben. Musik V Es geht nicht alles glatt. Manchmal ist es eine Frage der Perspektive. Silber kann Grund zur Freude und zur Enttäuschung sein. Es kann Grund zur Freude und Hoffnung auf mehr sein Sie haben vor ein paar Tagen Ihren 25. Hochzeitstag gefeiert und bitten heute um die Erneuerung des Segens für Ihre Ehe. Silberhochzeit ist ein Grund froh und dankbar zu sein, auch stolz. Und es ist ein Grund zur Hoffnung auf mehr. Sie sind schnell vorbeigegangen, haben sie gesagt. Jahre in denen Sie Freude und Überraschung, aber auch Sorgen und Ängste miteinander geteilt haben. Sie haben sich beschrieben als Menschen, die keine langfristigen Pläne machen, sondern spontan entscheiden. Aber doch gibt es immer wieder Fragen, auf die man gern im Voraus eine Antwort hätte. Wie soll es weitergehen? Sie haben erfahren in den vergangenen Jahren, dass die Gemeinschaft mit anderen im Hauskreis und in der Gemeinde über alle Verschiedenheit hinweg eine Hilfe sein kann, den Glauben und die Hoffnung festzuhalten und Rückhalt zu spüren. Das wünschen wir Ihnen auch weiterhin.Wie gesagt, Sie machen keine großen Pläne und hegen keine hochfliegenden Träume. Höchstens den: wenn der Kanal am Lindenauer Hafen durchgestochen ist und ein Schild "Hamburg" am Ufer steht, mit dem Boot aufzubrechen.. Oder den: nach der Silbernen auch die Goldene Hochzeit miteinander feiern zu können. VI Wir können heute für Sie beten, mit Ihnen fröhlich sein, Sie bestärken, und Ihnen Gottes Segen und Bewahrung wünschen. Aber wir wissen nicht was kommt. Wir wissen nur, was für die Christen in Thessalonich, für die Christen zu allen Zeiten, für die Glaubenden auch heute die tragende Überzeugung in ihrem Leben ist: Was auch gekommen ist und gewesen ist, das Beste steht noch aus. Darum laßt uns voller Hoffnung darauf zu leben.
|
Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis
Lukas 5, 1-11; in diesem Gottesdienst wurden 2 Kinder und eine Frau getauft
1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. Jesus hatte noch etwas gut bei Simon. Sie waren sich schon vorher begegnet. Ein paar Tage vorher. In Kapernaum, am Nordwestufer des Sees war Jesus ins Haus der Familie von Simon gekommen. Seiner Schwiegermutter ging es nicht gut, aber während der Begegnung mit Jesus ist sie gesund geworden. Das hat ihr und der ganzen Familie gut getan. Sie hat sich kräftig engagiert für Jesus und die Familie blieb Jesus dankbar. Irgendwie hatte Jesus noch etwas gut bei ihnen und auch bei Simon. Und Jesus kommt darauf zurück, als sie jetzt nebeneinander ihre Arbeit tun. Simon ist ein Fischer und mit seinen Kollegen steht er am Morgen am Ufer und wäscht die Netze aus, tägliche Routinearbeit, die manchmal schnell und manchmal quälend von der Hand geht. Nicht weit entfernt steht Jesus und versucht mit einer Menge Menschen klarzukommen, die ihn hören wollen. Nicht alle können vorn stehen. Nicht alle haben den Anfang mitbekommen. Es ist keine besonders gut organisierte Veranstaltung und Improvisation ist nötig. Jesus sieht die beiden Fischerboote am Strand liegen und er steigt in das von Simon und bittet ihn ein Stück vom Land wegzufahren mit einer Art schwimmendem Rednerpult. Simon läßt sich engagieren, so etwas hat er zwar noch nie gemacht, er ist Fischer und kein Veranstaltungsmanager, aber er läßt sich engagieren, auch wenn gar nicht klar ist, wie lange das noch gehen soll. Jesus hatte schließlich noch etwas gut bei ihm. Ist das nicht gut, noch nicht ganz quitt zu sein mit Jesus? Vielleicht liegt das ein paar Tage zurück, dass ich gesehen habe, wie er hilft, dass mich sein Wort berührt und aufgerüttelt hat. Dass ich begeistert dabei war. Da liegt noch etwas in meinem Leben auf Abruf. Und wenn er kommt und das gebrauchen kann, was ich kann, meinetwegen. Es ist wichtig, dass Menschen etwas zurückgeben, von dem, was sie empfangen haben, dass sie dem Kreislauf des Lebens nicht nur entnehmen, was für sie wertvoll ist, sondern ihn weiterfließen lassen. Und es ist öfters zu sehen, dass das keine Einbahnstraße ist, sondern das ehrenamtliches Engagement auch Erfüllung und Bereicherung zurückgeben kann. Es ist gut nicht ganz quitt zu sein mit Jesus und das geht vielleicht auch gar nicht. Gott geht uns immer voraus. Die Taufe ist ein Zeichen dafür. Gott hat schon Ja gesagt zu mir, bevor ich das ausdrücken oder öffentlich sagen konnte. Und er läßt mich das spüren durch die Menschen, die mich mitnehmen und mir Halt geben. Wie lange die Rede am See noch ging? Wir sind etwas abgeschweift. Es war eine lange Rede. Jesus im Boot, Simon im Boot. Am Ende sagt Jesus: "Fahr hinaus wo es tief ist." Das geht jetzt weiter. Etwas zurückzugeben, ok. Aber muß sich Simon jetzt sein eigenes Leben zeigen lassen von einem anderen? Den See kennt er wie kein zweiter. Die Arbeit als Fischer ist hart und sie bringt nicht so viel ein, dass man von ihr loskäme. Ich habe die ganze Nacht gearbeitet, ich bin zu, genug. Aber in dem Wort war noch etwas anderes: Fahr hinaus wo es tief ist. Simon kennt das Gefühl, über der Tiefe gehalten sein, aber wie lange ist das her, dass er darauf geachtet hätte. Viel zu viel zu tun immerzu. Jetzt läßt er sich locken: Ich habe die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Aber auf dein Wort will ich es tun. Und sie fahren hinaus, um die Netze auszuwerfen. Fahr hinaus wo es tief ist. Manchmal möchte ich jeden Weg vermeiden, der auch nur entfernt an die Unkalkulierbarkeit und Unheimlichkeit der Tiefe heranführt. Ich muß durchkommen, auf sicheren Wegen und nach Fahrplan. Aber ich weiß genau, das geht am Leben vorbei. Wenn nicht der Sinn da ist für die Tiefe, für den Sinn, für die Zartheit und Stärke der Kraft, die unser Leben trägt. Gott ist das "Mehr" in unserem Leben. Er ermuntert uns, auch zwecklose und zeitraubende Reisen zur Tiefe zu unternehmen. Und hinter dem Alltäglichen das Einmalige und Unendlich Bedeutende wahrzunehmen. Im Schicksal eines Menschen oder in unserer eigenen Lebensentscheidung. Es ist eine wichtige Aufgabe für Eltern und Paten, Kindern diese Sehnsucht nach dem weiteren Horizont zu zeigen, und ihre eigenen Fragen wachzuhalten. Es ist auch eine wichtige Aufgabe für eine Gemeinde, den Ort sichtbar zu machen für eine zwecklose und zeitraubende Reise zur Tiefe. Gottesdienst, den wir miteinander feiern auf der Suche nach Gemeinschaft, Bestärkung, Erneuerung, Ermutigung und Segen für unser Leben. Wir werben ja in diesen Tagen als Gemeinde um Mitarbeit im Kirchenvorstand, der neben manchen organisatorischen Fragen vor allem auch dafür Verantwortung trägt. Für den Gottesdienst und die Gestaltung der Gemeindearbeit. Das ist eine wichtige Arbeit für die Menschen in der Gemeinde und um uns herum. Zwei Projekte, die ich jetzt beispielhaft nennen will, wird der neue Kirchenvorstand weiter begleiten: den neuen und erweiterten Ansatz der Arbeit mit Kindern und Familien, für den nächsten Freitag eine Personalstelle vergeben werden kann. Und die konkretisierte Umsetzung der im Augenblick diskutierten Nutzungsidee für die Friedenskirche. Ein Ort voller Leben, einladend und ausstrahlend soll sie weiter sein. Wir hoffen, dass es genügend Menschen gibt, die sich in ihrem Herzen ansprechen lassen für dieses Amt. Wir sind schon wieder abgeschweift, während das Boot hinausfährt. Simon wirft das Netz aus und sie machen einen sagenhaften Fang. Wunderbar und herrlich. Aber auch frustrierend. Der Fischer läßt sich zeigen, wie's geht. Die Nacht noch in den Knochen, und sie war umsonst. Und dann geht einer einfach her und alles geht leicht. Simon kennt diesen Traum. Es könnt alles so einfach sein. Isses aber nicht. Und Simon ist nicht irgendwas besonderes, sondern ein Fischer. Und ihm ist das irgendwie bitter. Und er sagt zu Jesus: Geh weiter Meister, das ist nichts für mich. Da kann ich nicht mithalten. Ich bin ein einfacher, sündiger Mensch. Ich ziele wohl, aber ich treffe nicht. Bei mir geht das nicht so schnipp-schnipp wie bei dir. Aber Jesus sagt zu ihm: Fürchte dich nicht, neue Wege zu gehen. Das Leben kann auch leicht und frei sein. Hast du Mut? Ich bin ein sündiger Mensch, sagt Simon, ich kann bei dir nicht mithalten, sagt er, ich fühle mich getrennt vom Leben, getrennt von Gott. Aber Jesus verkörpert irgendwie die Verbindung zwischen dem Menschlichen und Gott. Er ist nicht perfekt, muß improvisieren, ist auf die Hilfe anderer angewiesen - aber doch ist da eine Verbindung mit dem Leben, die einfach Schwung gibt und Entfremdung verrauchen läßt. Jesus hat den Menschen die Zusage Gottes nahegebracht: Du wirst nicht Gott werden - und bist dennoch sein Kind. Du wirst bleiben, wer du bist - und Gott wird sagen, so habe ich dich gewollt, wo du am Ziel vorbeigeraten bist - ich habe dir vergeben und ich brauche dich. Diese Zusage, die wir auch in der Taufe gemacht haben, ist kein Ja und Amen zu allem was wir tun, aber über allem Suchen nach dem richtigen Leben steht das unbedingte Ja Gottes. Und wo Eltern ihre Kinder dieses unbedingte Ja erfahren lassen, tun sie ein Stück vom Werk Gottes. Schließlich sagt Jesus: Von nun an wirst du Menschen fangen. Für Simon klang das auch ungewöhnlich, obwohl er heraushörte, dass Jesus auf andere Weise vom Fangen sprach, als er es als Fischer gewohnt war, mit einem Boot voll toter Fische an Land zu kommen. Hier ging es um die Gewinnung von lebendigen Menschen. Und Simon war einer der ersten, der sich selbst gewinnen ließ und andere kamen mit ihm. Und folgen Jesus aus dieser Geschichte hinaus. Menschenfischer. Wissen Sie noch, wer ihr Menschenfischer war, wer sie gewonnen hat, begeistert und für den Glauben inspiriert hat? Vielleicht ist es lange her, aber vielleicht sagt mir auch die Erinnerung: Jesus hat noch etwas gut bei mir und die Geschichte kann beginnen.
|
Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis
Brief an die Gemeinde in Rom, 12, 17-21
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Liebe Gemeinde, "Das Böse ist immer und überall". Das ist nicht nur eine 'Erste Allgemeine Verunsicherung', sondern manchmal ein Grundeindruck des Lebens. Es ist zu kurz, es ist unvollkommen und ungerecht. Und angefüllt mit den falschen Menschen. "Das Böse ist immer und überall". Das ist vor allem auch geradezu eine Signatur der traditionellen Theologie. An Paulus und Augustin und Luther haben die Menschen gelernt, mit dem Bösen zu rechnen, bei sich selbst und beim Anderen. Ehrlich zu sein mit sich und ohne Illusionen über den Nächsten. Aber es sind auch Schablonen entstanden, die alles durch eine böse und fatale Brille sehen. Heute begegnen wir Paulus, der auf das Böse hinweist, aber der davor nicht zurückschreckt, sondern von der Überwindung des Bösen spricht. Ihr Christen - schreibt er an die Gemeinde in Rom - seid Menschen, die mit ihrer Art zu leben das Böse mit Gutem überwinden. Er schreibt, dass das so sein soll, aber er ist auch überzeugt, dass das passiert und passieren kann. Der Brief an die Gemeinde in Rom ist ja so etwas wie eine Empfehlungsmappe, die Paulus seinem eigenen Erscheinen vorausschickt. Er hat diese Gemeinde nicht selbst gegründet, er hat sie auch erst später persönlich kennengelernt. Aber er ist entschlossen gewesen, sein Evangelium, die Botschaft von Gottes versöhnender Nähe in Jesus Christus bis ans Ende der Welt zu tragen - er wollte bis Spanien kommen - und bis ins Zentrum der Macht und der Weltpolitik - bis nach Rom. Dahin ist er gelangt und dahin hat er es gebracht. Paulus beschreibt in den ersten 11 Kapiteln, wie Menschen durch Jesus Christus in ihrem Leben befreit werden aus einem fatalen Kreislauf des Bösen und Teil bekommen an einem neuen Leben. Und ergänzt dies in den Kapiteln 12-16 mit praktischen Hinweisen und Ratschlägen. Die richten sich an die Gemeinde der Christen selbst: "Eure Liebe untereinander sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Üble, haltet fest am Guten." und an die Gemeinde gegenüber den Angriffen von außen, die zur damaligen Zeit auch böse Unterstellungen und gemeine Angriffen gegen die kleine Christengemeinde beinhalten konnten. Damals wie heute. Ohne Religion, ohne Christentum, Islam und wie sie alle heißen - ja auch ohne euch Christen - sähe es besser aus auf der Welt. Nicht mal Marx und Lenin braucht der Alltagsatheismus unserer Tage für diese Formel. Nicht immer wird sie so offen vorgetragen, aber praktisch gelebt. Das letzte Jahrhundert hat hier im Osten eine Austrittswelle nach der anderen gesehen. Die Gründe dafür waren sehr vielfältig und liegen zum Teil auch bei den Kirchen selber. Aber das war immer wieder eine Aufgabe der Christen: Lasst euch nicht vom Bösen überwinden - und da meine ich jetzt nicht die weggegangenen Menschen - sondern die Fatalität der immer kleiner werdenden Christenschar. Laßt euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem. Bringt euch ein, öffnet eure Türen, mischt euch ein. Wir haben das in unserer Gemeinde auch erlebt in den letzten 10 Jahren. Als ich als Pfarrer begann, hieß es fast zeitgleich: ein achtstelliger Betrag an DM fehlt jährlich in der Landeskirche. Es muß gespart werden. Dass die Kirchenvorstände damals den Mut hatten, diese Bedrohung im Vertrauen zu überwinden und neue Wege zu gehen, das hat wirklich Gutes bewirkt. Mit Fehlern und Irrtümern - aber: auch heute gehen manchmal Menschen gelangweilt oder unberührt aus dem Gottesdienst - aber es gibt auch Leute, die sagen: wir dachten immer Kirche sei für alte Leute. Oder sagen: Als wir das letzte Mal in der Kirche waren vor 50 Jahren, da war das eine starre herrschaftliche Institution. Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Das ist manchmal schwer. Ich denke Sie kennen alle die Stimme: Es ist sinnlos, du kannst eh' nichts tun, es ist zu früh, zu spät und - die Anderen sind schuld. Laß dich nicht vom Bösen überwinden - oder von dem, was du als Böse empfindest - sondern überwinde das Böse mit Gutem. Über 80 % der Menschen in der Gemeinde, die sich an der Umfrage zur künftigen Nutzung der Friedenskirche beteiligt haben, sagten, wir können diesen Weg nachvollziehen und unterstützen ihn. In den Arbeitsgruppen wird überlegt und konkretisiert. Es ist kein leichter Weg, aber am Ende soll stehen, dass diese Kirche nicht manchmal, nicht immer seltener, sondern dass sie mit eigenem und neuem Leben gefüllt ist. So wie sie schon jetzt dank vieler Menschen aus der Gemeinde immer offen ist und dank der Arbeit des Vereins ein ganz besonderer Ort der Begegnung mit Kunst und Kultur geworden ist. Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Das ist nicht immer leicht - auch im persönlichen Leben, weil das Böse - ob wir das so empfinden oder ob es wirklich böse ist - auch Spuren in uns hinterläßt und Kräfte freisetzt. Von Rache spricht Paulus, ein heißes Gefühl und wilde Phantasie und manchmal auch ein entsprechendes Wort oder eine entsprechende Tat. Rächt euch nicht selbst, sagt Paulus. Sondern gebt Raum dem Zorn Gottes, überlaßt das Urteil dem Gericht Gottes. Ist das besser? Oder ist das nur eine heimliche Verlängerung der Rache? Mit was für einem Gericht Gottes rechnet Paulus eigentlich, rechnen wir eigentlich? Vielleicht kann man das an dem Bild mit den glühenden Kohlen deutlich machen, das Paulus aus der Hebräischen Bibel zitiert. Räche dich nicht selbst, sondern tue deinem Feind noch Gutes, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Abgesehen davon, dass das mitunter wirklich schwer fällt, so zu hanhdeln, es klingt auch unaufrichtig und hinterhältig. Aber möglicherweise hatte die Bibel gar nicht im Blick: tue deinem Feind Gutes, damit es ihm am Ende umso schlimmer ergeht. Sondern blickte auf einen kultischen Bußritus: Mit einem Becken glühender Kohlen auf dem Kopf, zeigt einer seine Bereitschaft zur Umkehr. Dann meint Paulus: Tue deinem Feind Gutes, er ist wie du, gewinne ihn vom Weg der Feindschaft auf einen gemeinsamen Weg. Was gut und was falsch war - am Ende wird Gott richten. Paulus nimmt hier, ohne das ganz konkret zu nennen, die Vision Jesu auf, ohne Gewalt die Gewalt und das Böse zu überwinden. Aber geht das. Und wie geht das. Ist's möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Was ist an Frieden möglich? Und wo ist die Grenze des faulen Friedens erreicht? In Sachsen - heißt es - ist die NPD mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Augenfällig an manchen Orten. Rein statistisch könnten an manchen Orten sogar Glieder der evangelischen Kirche unter den Wählern sein. Eher aber sind es Menschen, die vom christlichen Glauben noch nie etwas gehört haben oder ihn gründlich hinter sich gelassen haben. Und dennoch ist da nicht einfach nichts: Das Volk, die Heimat, der Stolz endlich wieder Deutscher zu sein; und daraus folgt: die Erleichterung für Ausländer, in ihre Heimat zurückzukehren, das Verbot, Arbeit aus Deutschland zu verlagern, Deutschland, das nicht mit seiner Vergangenheit gedemütigt werden darf, Deutschland, das die Grenzen von 1945 nicht anerkennen darf. Das ist krudes Zeug, das nicht unwidersprochen bleiben darf, wo es einem begegnet. Wir sind Davongekommene und leben unser Leben aus Gnade. Paulus sagt das für alle - Juden und Heiden. Aber es gilt auch politisch für uns als Deutsche. Wir sind Davongekommene und es gibt so viel Grund, die Großzügigkeit und Dankbarkeit dafür noch sehr viel weiter zum Tragen zu bringen. Wir sind Menschen, die nicht aus ihrem eigenen Blut, aus ihrer Familie, aus ihrer Heimat - sondern von Gott, der uns das Leben schenkt, die Gabe und den Auftrag haben das Leben zu gestalten und zwar frei und gerecht für alle Menschen, für Nachbarn und Fremdlinge genauso wie für uns selbst. Hier ist der Glaube wirklich gefordert, in der Sache unerbittlich zu sein gegenüber allem Vergessen und Verniedlichen, gegenüber der Verharmlosung unserer Situation. Aber gegenüber den Menschen wird eine Ausgrenzungspolitik nicht helfen, sondern hoffentlich der Versuch - hart in der Sache - den Menschen gegenüber frei und großzügig und lösungsorientiert zu handeln. Da gibt es viel zu tun. Aber Paulus sagt, Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
|
Predigt am Pfingstsonntag
Römer 8, 1-2.10-11; In diesem Gottesdienst wurden zwei Kinder getauft.
Römer 8, 1-2.10-11 1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. 2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. 10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. Gedicht zur Begrüßung im Gottesdienst: Hilfsverben Ich würde sagen wir sollten ich sollte meinen wir hätten ich hätte gedacht wir könnten ich könnte schwören wir möchten ich möchte annehmen wir müßten ich möchte glauben wir würden ich würde sagen wir müßten ich müßte meinen wir möchten ich möchte glauben wir könnten ich könnte schwören wir hätten ich hätte gedacht wir sollten ich sollte glauben wir würden ich würde sagen wir dächten ich dächte das wär's würde ich sagen Rudolf Otto Wiemer Einmal: schweigen, auf den Geist hören. Paul Oestreicher erzählte, dass er das ein einziges Mal in seinem Leben als Pfarrer gemacht hat. Auf die Kanzel gegangen ist und geschwiegen hat, um den Geist reden zu lassen. Wir reden schnell los: 'Ich müßte glauben, wir würden meinen: Es geht mir gut.' Ist doch so!? Ich seh auch gut aus - wolltest du sicher gerade sagen!? Danke. Na ja, wenn du meinst. Ja, wirklich, also herrlich und bei dem Wetter. Es geht mir gut. Und objektiv gesehen! Es sei denn - was wir nicht hoffen wollen. Gesundheit und nicht nur das. Es ist auch manches auf den Haufen geraten im Leben, unerledigt abgelegt, es hat sich manches eingeschliffen, Energie verbraucht sich und nicht alles geht auf. Dass am Ende nur stehen könnte: Das war's. Nichts mehr da. Das wäre verdammt bitter. Aber das wollen wir nicht hoffen. Und wir sollten auch möchten: Nein, es geht mir gut! Es geht uns ja auch gut. Richtig, es wird viel gejammert, aber auf hohem Niveau und im Moment geht es ja auch aufwärts. Wir leben in einem freien Land. Da sind zwei Nachrichten der letzten Woche im Ohr. Die Zahl rechtsextremer Straftaten hat sich verdoppelt. Warum hört das nicht auf? Und in Moskau rollten am Tag der Erinnerung an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg zum ersten Mal seit 17 Jahren wieder Panzer, Raketenträger für atomare Sprengköpfe und andere schwere Waffen, eine Demonstration der Stärke. Haben wir da etwas übersehen? Was ist aus dem Geist des Aufbruchs und der Befreiung geworden? Was muß man nun tun? Kann man noch etwas tun? Dabei könnten wir schwören, wir hätten das ganz anders gewollt. Genau an diesem Punkt fängt unser Schriftwort an: "Kein Verdammungsurteil" - kein unabwendbares Verhängnis - "keine Verdammnis also jetzt für die, die in Christus Jesus sind." Wie jetzt?: Man sollte sagen es dürfte? Paulus hat uns kein Verb hinterlassen. Aber es wird überdeutlich, er meint: Es gibt kein für immer und endgültig am Leben vorbei für die, die zu Jesus Christus gehören. In der Taufe werden wir in diese Zusage eingetaucht: Was auch geschieht, Gott hält dir die Tür zum Leben immer wieder offen, damit du neu hindurchgehen kannst. Er sieht dein Leben mit seinen Augen und dieses Ansehen bei Gott kann Dich stark machen. Freilich, da ist auch die andere Seite. Aber die ist passé. Paulus redet ganz drastisch und er unternimmt einen verwegenen und gefährlichen Versuch: er denunziert die Tora; Er sagt das Wort Gottes, die Lebensordnung Gottes - das ist ein gutes Wort und heilig - aber in den Händen der Menschen wurde etwas völlig verkehrtes daraus. Paulus bezweifelt die Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit der Gebote Gottes - sie dienen allenfalls dazu, uns vor Augen zu führen, dass wir sie nicht erfüllen. Paulus denunziert den Weg des guten Lebens; Wenn du denkst durch Fitness und Motivation, durch richtige Entscheidungen und die bewährten Werte kämst du heil durchs Leben - Paulus macht ein großes Fragezeichen. Das ist eine mehr als gewagte und gefährliche Interpretation. Und das Pfingstfest ist ein Tag, an dem der Wind des Geistes Gottes die Türen öffnet, aber nicht nur für Birkenpollen und Fliederduft, sondern auch für die erneuernde Kraft des Geistes. Die Tora des Geistes, die geisterfüllte Lebensregel, die Gebote Gottes ihrem inneren Leben nach - die sieht Paulus groß werden - sie hat dich befreit von dem Verhängnis des Lebens, dem die Luft ausgeht und das bitter und böse wird. Ich möchte das noch ein klein wenig buchstabieren an diesem schwierigen Zusammenhang, der ihnen vielleicht in meiner Übersetzung noch schwieriger vorkommt, als er im Römerbrief schon ist. Ich möchte dabei auch Paulus etwas gegen den Strich lesen und sein großes Bild "in Christus sein" etwas herunterbringen auf "zu Jesus gehören" - wie wir es den Täuflingen beim Segen mit dem Kreuzeszeichen zugesprochen haben - "von Jesus angesteckt sein". Zu Jesus gehören, von dem die Evangelien erzählen: Wo er war, war Gott und der Geist Gottes erfüllte aus seinen Worten und Taten die Herzen der Menschen. 1. Es ist keine Verdammnis, sagt Paulus. Jesus sagt zur Ehebrecherin: Keiner konnte den ersten Stein werfen, so verurteile ich dich auch nicht. Geh und führe ein neues Leben. Ein Leben ohne Sünde. Du kannst es. Viele sagen, die Entkirchlichung sei eine Folge der totalitären Herrschaft gewesen, braun und rot. Ich denke, diese Erklärung reicht nicht. Die autoritäre Kirche ist daran selbst beteiligt gewesen. Eine Kirche, die das Leben der Menschen kontrolliert und reglementiert und denen Angst macht, die anders sind. So war die evangelische Kirche und trägt an diesem Erbe. Aber daneben stand immer auch die Erfahrung des Geistes: Offen für alle, auch für die, die anders sind, die uns Bauchschmerzen machen. Keine Verdammnis, sondern Ermutigung zum Leben in Freiheit. 2. Paulus sagt: Das Gesetz des Geistes hat dich frei gemacht. Jesus sagt: Verliert euch nicht an die Sorge um euer Leben. Was ihr essen und anziehen werdet, wie alles wird. Vertraut auf Gott und schaut auf das Geschenk des Lebens. Jesus meint das nicht zynisch oder naiv im Blick auf Mangel oder Fehler am Bestehenden. Das ist der Geist des Lebens, der Geist des Glaubens. Laßt uns die Güte des Lebens erweisen, über das Geschenk, dass wir da sind, dass wir gute Gaben haben, nicht einfach hinweggehen, sondern sie feiern. Der Blick Jesu, der Blick der Freiheit zeigt, was das Wichtigste und Wertvollste ist, die gute Schöpfung Gottes, diese Welt als ein wunderbarer Lebensraum und die Menschen mittendrin als i-Punkt, als Krönung, als Wesen mit Würde und Schönheit. Wir bauen unseren Kindern Geländer und ebnen ihnen Wege. Wir können nur beten und hoffen und staunen, dass sie freie und aufrechte Menschen werden und bleiben und immer wieder werden. 3. Paulus sagt: Was unmöglich war - es ist möglich durch Christus. Jesus sagt: Steh auf, nimm dein Bett und die Fesseln deines Lebens und wandle umher. Die Macht des Geistes ist, dass er Kräfte zum Fließen bringt. Wir verstehen unter Macht oft ein angespanntes und festgezurrtes Gleichgewicht der Kräfte und den Zement im status quo. Aber wir sind das Volk war eine ganz andere Erfahrung. Laßt uns die Welt neu erfinden. Macht, die von den Menschen ausgeht ist die Möglichkeit, das Leben zu gestalten, es so einzurichten dass es dem Leben dient. Es ist heute manchmal bleiern in unserer Welt. Die Menschen haben kein Vertrauen in die Demokratie und machen so die Demokratie kaputt. Sie leben in Freiheit aber stöhnen unter der Last. Ich hatte kürzlich Gelegenheit über den konziliaren Prozeß zu reden. Unter DDR-Verhältnissen haben die Menschen diese Freiheit der Weltgestaltung - die sie gar nicht hatten - in Anspruch genommen und eingefordert. Sie haben in Initiativgruppen gesessen und die Texte aus Dresden und Magdeburg studiert, diskutiert und eigene Texte entworfen. Das wäre heute gar nicht mehr möglich. So viel Zeit und Energie und Engagement würde in unserer Welt der vielen Möglichkeiten gar niemand aufbringen. Das ist eigenartig. 4. Paulus sagt: Leben um der Gerechtigkeit willen Von Jesus heißt es: Es jammerte ihn. Gebt was ihr habt. Er dankte Gott und teilte aus. Zwei Seiten von Gerechtigkeit. Bei Paulus stärker: vor Gott gerecht. Im Gleichnis von der Speisung der Fünftausend: alle sollen vom Brot des Lebens essen und satt werden. Diese beiden Seiten müssen zusammengehören. Du bist bei Gott angenommen und im Namen Jesu gerechtgesprochen wie ich. Aber wir sind Kinder Gottes wie unsere Brüder und Schwestern überall in der einen Welt und von dem Tisch des Lebens sollten alle essen können. Auch wenn die Verhältnisse jetzt gerade diesem Bild so kolossal widersprechen. Es war sicher nicht vollständig, aber: Ich dächte, das wär's, würde ich sagen. Es geht uns gut. Wir sind mit dem Geist Gottes beschenkt. Wir sind Freigesprochen und mit Leben beschenkt, wir sind Menschen mit Gaben und Möglichkeiten, es lohnt sich aufzustehen und auf die Veränderung der Welt zuzuleben. Ich dächte, das wär's. Mehr noch: Das ist es. Amen.
|
Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis
Lukas 9, 10-17; in diesem Gottesdienst wurde ein Kind getauft
10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich, und er zog sich mit ihnen allein in die Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier in der Wüste. 13 Er aber sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für alle diese Leute Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Mann. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich setzen in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich setzen. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und dankte, brach sie und gab sie den Jüngern, damit sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was sie an Brocken übrig ließen, zwölf Körbe voll. Liebe Gemeinde, "Warum werde ich nicht satt?" Campino von den Toten Hosen schreit diese Frage im schrillen Punksound aus dem Lautsprecher. "Warum werde ich nicht satt?" Trotz zwei Autos, Glück, Freunden, Spaß ohne Ende - sogar der beste Platz auf dem Friedhof ist schon für mich reserviert. Aber: Warum werde ich nicht satt? Die Gier, das Begehren ist eines der ersten und vitalsten Themen unseres Lebens. Jürgen Fliege hat eine sehr interessante Auslegung der 10 Gebote populär gemacht: vom letzten zum ersten begleiten sie uns durch unser Leben. Es beginnt mit der Gier. Du sollst nicht begehren - obwohl das Begehren das ist, was ein Mensch unbedingt braucht, um ins Leben zu kommen. Der Saugreflex, der unbändige Drang, sich alles einzuverleiben, alles zu erobern, gehört zu unserem Leben und unserer Entwicklung dazu. Wer Kinder im Alter von Christoph hat, weiß wovon ich rede. Aber was für Kinder richtig und wunderbar ist - das ist für erwachsene und reife Menschen daneben. Die Gier in Beziehung zu setzen mit dem, was Menschen neben mir brauchen, unterscheiden zu lernen, was ich wirklich brauche, dass dies eben auch das Leben, der Frieden und das Glück der Menschen neben mir ist, das ist eine der ersten Lebensaufgaben, die jedem gestellt ist und die wir mit wechselndem Erfolg lösen. Das Thema der Erziehung in einer Familie, das Thema des Glaubens und das Thema der persönlichen Suche ist, Vertrauen zu finden in die Welt, in Gott, in mich selbst, das mich frei macht von unstillbarer Gier und achtsam auf das, was ich wirklich brauche. Du bist bei Gott zu Hause, in seinem Ja ganz geborgen, du wirst nie ins Nichts fallen - in der Taufe geben wir im Auftrag Jesu die Zusage des Lebens und die Einladung zum Vertrauen, die wir und Christoph ein Leben lang buchstabieren sollen. Wie sie auch Jesus mit den Aposteln - so nennt Lukas die zwölf Jünger - buchstabiert hat und wie die frühen Gemeinden dies buchstabiert haben. Jesus wagt das Vertrauen gegen die Vernunft, gegen die Angst der Jünger, gegen die Erfahrung. Eigentlich war alles anders geplant gewesen. Es gab so richtig Grund zum Ausspannen und Feiern. Die Jünger waren im Auftrag Jesu unterwegs gewesen und hatten mit ihren Worten und mit ihren Mitteln das Evangelium weitergesagt - ohne den Meister - und sie hatten große Dinge erlebt. Im kleinen Kreis sollte das ausgewertet und gewürdigt werden. Aber die Leute kamen hinterher - und Jesus ließ sie zu sich, sprach zu ihnen und heilte. Als aber der Tag so herumging und deutlich wurde, da kommt noch mehr: jetzt kriegen die auch noch Hunger - da wird es den Jüngern zu viel. Schick sie weg - lass sie in den Dörfern rundherum nach Nahrung suchen. Eigentlich eine vernünftige und vorausschauende Idee. Aber Jesus sagt: Gebt ihr ihnen zu essen! Das können wir nicht: eine ausgehungerte, gierige Menge, 5000 Menschen (Männer) - das ist Wahnsinn, dass ist eine Bedrohung. So spricht die Erfahrung, so spricht die Angst. So würde ich auch sprechen und ich finde die Idee der Jünger nicht schlecht. Jesus aber zeigt einen anderen Weg, indem er nicht mit der Gier der Menschen rechnet, sondern das erfahrene Vertrauen in die Nähe des Gottesreiches ganz groß macht: Es ist genug für alle da - wo Menschen Gott erfahren - wächst ihnen dieses Vertrauen, diese Gewißheit, diese Hoffnung zu, das Leben, das Gott schenkt, bringt eine Fülle in unser Leben, die weiterfließen will. Menschen begegnen in der Nähe Gottes und in der Sichtweise Jesu nicht als unersättlich gierige Wesen, sondern als Kinder Gottes, für die diese Welt gemacht ist, damit sie in Würde in ihr leben. Das Wunder geschieht - alle werden satt. Fragen bleiben- wie konnte das gehen - aber ist nicht dieser Sichtwechsel von der Angst vor der Gier zum Vertrauen und zur Würdigung auch in unserem Leben immer wieder eine wundervolle und befreiende Erfahrung? Jean Ziegler ist kein Mensch vor dem man auf der Straße Angst hätte, er sieht bürgerlich, gesetzt und freundlich aus. Ein Schweizer. Aber er ist ein leidenschaftlicher Mensch. Er ist Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen für das Menschenrecht auf Nahrung. Und er spricht eine drastische Sprache: Jeder Mensch, der heute auf der Welt an Hunger stirbt, wird ermordet sagte er vor einigen Wochen, in einer großen deutschen Tageszeitung. Denn auf unserer Erde werden ohne den Einsatz von Gentechnik Nahrungsmittel produziert, die ausreichen würden, um 12 Mrd Menschen zu ernähren. Dennoch stirbt alle drei Sekunden ein Mensch an den folgen des Hungers. Und an den Folgen der Gier. Milliarden Menschen auf der Welt leben mit weniger als 2 pro Tag in Armut - das ist etwa der Betrag, mit dem jede Kuh in Europa täglich subventioniert wird. Nichts gegen die Kuh und nichts gegen den Bauern - aber afrikanische Bauern können von ihrem Land und ihrer Arbeit nicht leben, wo die europäischen Agrarprodukte die Märkte füllen, die durch unsere Steuergelder konkurrenzlos billig sind. Die Aktion Brot für die Welt hat in diesem Jahr Ernährungssicherheit zu ihrem Thema gemacht und stellt diese Zusammenhänge besonders heraus. Gebt ihr ihnen zu essen, das ist mehr als die immer wiederkehrende Frage nach Spenden, das ist auch der Beginn auf das zu sehen, was wir essen und tun. Und die Einladung, wo es nur geht, statt der Gier das Vertrauen, die Würde und das Miteinander von Menschen, Tieren und Schöpfung zu sehen und zu praktizieren. Aber wie soll das gehen? So große Worte - Sonntagsreden! Jesus nahm von den Jüngern, was sie hatten: 5 Brote und zwei Fische - lächerlich wenig, kann man eigentlich gleich vergessen, braucht man gar nicht anzufangen - Jesus nahm, was sie hatten, sagte Gott Dank, brach das Brot und gab es seinen Jüngern um es austzuteilen. Sie geben, was sie können, nicht weniger aber auch nicht mehr. Sie geben es nicht in ein Faß ohne Boden, sondern in die Hand Jesu, der es im Dank an Gott weiterfließen läßt an Menschen in der Würde der Kinder Gottes. Bring ein, was du kannst und danke Gott dafür. Lass dir zeigen, was du wirklich brauchst und versuche in den fremden Menschen nicht ihre Gier, sondern ihre Würde und ihre Bedürfnisse zu sehen. Jesus sagt den Jüngern, dass sie die Menge einteilen sollen in Gruppen. Damit man sich ansehen kann. Vielleicht eine Erinnerung an die Größe der urchristlichen Gemeinden. Und nicht zufällig eine Erinnerung an das Abendmahl: er nahm die Brote, dankte, brach sie und gab sie ... Gott lädt uns ein, aus dem Vertrauen zu leben, dass uns das Leben geschenkt ist, mein Leben für euch. Ein Zeichen, eine Ermutigung zum Vertrauen auf das, was uns wirklich Sättigung und Frieden verspricht: das Vertrauen, dass unser Leben in Gott versöhnt ist. Warum werde ich nicht satt? Weil ich unterwegs bleibe in meinem Leben zu diesem Brot, zu diesem versöhnten Leben. Aber der Weg des Vertrauens kommt dem näher als der Weg der Gier.
|
Predigt am Sonntag Trinitatis
4. Mose 6, 22-27 An diesem Sonntag wurde die Jubelkonfirmation begangen.
Was ist eigentlich aus dem Segen geworden? Das ist eine Frage des heutigen Tages. Hat er gewirkt? Ist er aufgegangen? Hat er Frucht getragen? Ich meine Ja zu hören, Bewegung zu empfinden und Dankbarkeit. Aber ich kann mir auch Zweifel vorstellen, die harte Fragen in sich tragen. Wenn ich an die Gruppen der Goldenen Konfirmanden denke, die 1957 konfirmiert wurden. Mehr als die Hälfte dieser Menschen ist seit Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten und manche haben sich vom Glauben losgesagt. Segen?Und wenn wir heute hier sitzen und zurückblicken, dann denken wir auch nicht nur an die, die heute wegen voller Terminkalender fehlen, sondern die krank sind, an die, die früh gestorben sind. Segen? Was ist das eigentlich: Segen? Ich denke mir dabei immer: Gutes zusprechen. Ich denke mir, Segen ist wie ein Strom von Energie, die von Gott kommt. Segen ist wie die unsichtbare Macht im Leben, die die richtigen Verbindungen schafft, damit etwas wächst, damit etwas gelingt. Man meint manchmal zu spüren, wenn Segen auf einem liegt. Sie denken vielleicht: Ist ja nicht gerade eine sehr präzise Beschreibung. Aber die gibt es vielleicht auch nicht, weil Segen etwas Geheimnisvolles ist, nämlich deshalb, weil Gott, das Geheimnis der Welt uns im Segen nahekommt. Schrift wort für die Predigt: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ 1. Gott segnet Ihr sollt meinen Namen auf sie legen, dass ICH sie segne. Gottes Segen ist Gottes Segen. Und zeigt sich oft anders als in der Erfüllung aller Wünsche. Wir ahnen ja heute auch, dass die Erfüllung aller Wünsche das Gegenteil von Segen sein kann. Dieses Schriftwort steht in der Bibel am Auftakt der Wüstenwanderung. Die Segensgeschichten der Bibel, so warm uns der Erzählton in der Erinnerung berührt, Abraham, Jakob, Josef, sind Geschichten voller augenscheinlicher Widersprüche zur Verheißung des Segens: Kinderlosigkeit, Betrug, Verrat. Und dennoch kommt in ihnen die Erfahrung zum Ausdruck: Gott segnet, Gott schenkt Leben, läßt wachsen und Frucht tragen. Wie das im Einzelnen geschieht, das entzieht sich manchmal der Einsicht derer, die mittendrin stehen in der Geschichte. Das sehen auch wir mitunter nicht. Aber die Erfahrung der Menschen , die die Geschichten der Bibel weitererzählt haben ist: Gott hat seine Hand im Spiel, er geht mit und obwohl die Menschen sich oft alle Mühe geben, seinen Plänen entgegenzuwirken, ergibt sich dennoch ein roter Faden seiner Geschichte mit den Menschen, die darauf aus ist: Leben in Gerechtigkeit und Frieden soll sein. Leben in Gemeinschaft und Versöhnung soll sein. Vielleicht ist das auch eine Erfahrung des Segens im Blick auf unser eigenes Leben, wenn sich nach allen Kurven und Bergstrecken unseres Weges doch herausfindet: es gibt einen roten Faden. Mein Leben ist gehalten und begleitet und es ist gut so. Aber so lange wir leben, bleibt es für uns ein Wagnis, der unbekannten Zukunft, dem Leben wie es kommt entgegenzugehen. Wir haben es nicht in der Tasche und Gott ist nicht einfach auf unserer Seite. Gottes Wirken fordert uns heraus und krempelt uns um, es bleibt ein heiliges Geheimnis. Und vielleicht werden wir einmal verstehen und sehen wie Gott – aber jetzt sehen wir nur mit den Augen unseres Glaubens, der aus dem Versprechen lebt: Gott segnet dich und schenkt dir Leben. 2. Wir empfangen Fulbert Steffensky hat eine Begebenheit von einem Freund erzählt, der einen Herzinfarkt erlitten hatte und vom Pfleger etwas respektlos angesprochen wurde: „Alter Graukopf, du machst jetzt gar nichts. Du denkst nicht. Du bewegst dich nicht. Du sorgst dich nicht.“ Das ist ihm ein Gleichnis für Segen: sich loslassen können, sich überlassen können. Die Hände zusammenlegen und nichts anpacken, die Gedanken ausschalten und nur harren was aus anderen Händen zu mir kommt, mit geschlossenen Augen der Zukunft voller Hoffnung entgegensehen. Das ist etwas, was uns nicht leicht fällt. Die wir gern zupacken und aufbauen, die wir planen und vordenken, die mit klarem Blick sehen, was gespielt wird. Das ist unser Leben und so muß es auch sein. Aber die andere Seite gehört unbedingt dazu: Ich kann das Leben gar nicht führen, keinen meiner Atemzüge habe ich je aus freier und bewußter Entscheidung getan, es schlägt und lebt in mir. Im Segen werde ich weil ich angesehen werde vom Blick der Güte, es leuchtet das Antlitz des Lebens über mir, Gottes Blick liegt auf mir und sieht mich freundlich an als sein Kind, das er durch die Kurven des Lebens begleitet. Im Segen geht ein Frieden auf mich über, den ich nicht mit meinen Waffen erkämpft und mit meinen Rechtsanwälten durchgesetzt habe, sondern der aus den offenen Armen der Versöhnung mit Gott kommt. Im Segen kann ich mich schutzlos wie ein Kind im Vertrauen überlassen: Gott sieht mich freundlich an, mit leuchtendem Angesicht und hat Leben für mich bereit. Das Leben, um das es hier geht, kann sich keiner erarbeiten, es ist allein aus Gnade zu haben. 3. Gott und Mensch gemeinsam Gott segnet, wir empfangen – und: Gott und Mensch wirken zusammen. Das Schriftwort für die Predigt sagt uns, dass nur die Priester in Israel den Segen zusagen durften und bis heute dürfen. Vielleicht auch um deutlich zu machen: es geht hier nicht um eine Art fröhlichen Wohlfühlzauber, sondern wir rühren an das heilige Geheimnis des Lebens. Aber dennoch sind Priester auch Menschen und können wir Menschen auch füreinander Priesterinnen und Priester sein: Vermittler des göttlichen Segens, Erschließer und Werkzeuge des Segens. Wir können Segen zuspielen und uns zuspielen lassen. Ganz alltäglich passiert das übrigens, indem wir uns beim Abschied zuwinken, eine Erinnerung an eine Segensgeste. Ganz alltäglich kann das auch geschehen, indem wir füreinander beten und aufeinander achten. Und natürlich berührt das auch den weiteren Bereich unseres menschlichen Wirkens. Von guter Arbeit, klugem Denken, weitsichtigem Handeln kann viel Segen ausgehen. Wir genießen heute alle die Segnungen der modernen Technik. Aber wir wissen auch, dass wir Verantwortung tragen für das Leben, für das Leben unserer Kinder und Enkel. Wird es gelingen unsere Kräfte, unseren Wohlstand, unsere Macht so zu gebrauchen, dass sie dem Leben dienen? Oder werden sie sich langsam verbrauchen im Ringen um Selbsterhaltung, Besitzstandswahrung und Sicherheit? Die Erfahrung des Segens Gottes kann aus uns dankbare Menschen machen, die mit weitem Herzen und warmen Händen weitergeben, was sie geschenkt bekamen. Leider erleben wir oft das Gegenteil. Ihr seid gesegnet und sollt ein Segen sein. Im Anklang an die Abrahamsgeschichte will Gott auch uns mit unseren Verletzungen und Schwächen, mit unseren Eigenheiten und Stärken gebrauchen, damit wir im Dank für das Leben Segen weitergeben.
|
Predigt am Pfingstsonntag
4. Mose 11, 11-12.14-17.24-25 In diesem Gottesdienst wurden drei Kinder getauft.
11 Mosche sprach zu IHM: Warum tust du übel deinem Knecht, warum habe ich Gunst in deinen Augen nicht gefunden, daß du die Tracht all dieses Volks auf mich legst! Bin mit all diesem Volk ich selber schwanger gewesen, oder habe ich selber es gezeugt, daß du zu mir sprichst: Trags an deinem Busen, wie der Wärter den Säugling trägt, hin auf den Boden, den du seinen Vätern zuschwurst! 14 Nicht vermag ich selber für mich all dieses Volk zu tragen, denn zu schwer ist es mir! Willst du mir solches tun, erwürge, erwürge mich doch, habe ich Gunst in deinen Augen gefunden! daß ich nimmer sehn muß mein Übel! ER sprach zu Mosche: Hole mir zusammen siebzig Männer von den Ältesten Jissraels, die du kennst, daß sie die Ältesten des Volks und seine Rollenführer sind, nimm sie ans Zelt der Begegnung, dort sollen sie zu dir treten. Ich will niederziehen, will dort zu dir reden, will aussparen vom Geistbraus, der über dir ist, es über sie legen, sie sollen mit dir an der Tracht des Volkes tragen, nicht sollst tragen sie du, du für dich. 24 Mosche ging hinaus und redete zum Volk SEINE Rede, er holte zusammen siebzig Männer von den Ältesten des Volkes, er stellte sie rings um das Zelt. ER zog nieder im Gewölk, er redete zu ihm, er sparte aus vom Geistbraus, der über ihm war, er gabs über die siebzig Männer, die Ältesten. Es geschah: wie über ihnen der Geistbraus ruhte, kündeten sie einher, - nicht taten sies hinfort. Liebe Gemeinde Wir nehmen im Fest Urlaub vom Alltag. Plötzlich gehen die Uhren anders. Menschen begegnen sich wieder nach Urzeiten oder sehen sich zum ersten Mal. Die Kinder in Meute. Es kommt eine Leichtigkeit auf, die dennoch alle enger miteinander verbindet. Was für ein Tag. Wir nehmen im Fest Urlaub vom Alltag. Zum Pfingstfest gehört zusätzlich ein großes Durcheinander, ein Außer-sich-sein von Menschen, das für Außenstehende so aussieht: sie sind voll süßen Weines. Das kann natürlich bei einem Fest auch vorkommen. Aber im Pfingstfest geht es um einen ganz anderen Geist, der trunken macht mit der überwältigenden Klarheit: Hier geht etwas los. Hier ist Zukunft im Überfluß. Hier gibt es nichts, was uns aufhalten kann. Sprachhindernisse: kein Problem! Kulturelle Verschiedenheit: kein Ding! Das ist schon verrückt. Wir bekommen einfach Urlaub vom Alltag. Wir vergessen die Geistlosigkeit und Unzufriedenheit und lassen uns begeistern. Wir lassen die Überlastung und die Zukunftsängste hinter uns und feiern die Zukunft. Wir vergessen Mauern und Zäune und feiern die Entgrenzung. Schön wär's, aber wer denkt an die Folgen? Das Schriftwort für die Predigt steht heute im 4. Mosebuch. Das Volk das unter der Leitung von Mose in die Freiheit aufgebrochen ist, ist in die Wüste geraten und es klagte vor dem HERRN, dass es ihm schlecht gehe. Mose ist in seiner Verantwortung Ein gravierendes Beispiel der Überlastung. Bin ich die Amme dieses ganzen Volkes? übersetzt Luther. Mose fühlt sich aufgefressen und erdrückt von seiner Verantwortung bis dahin, dass er sich danach sehnt lieber zu sterben. Wie kann so etwas passieren? Die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, schweigen wahrscheinlich oft darüber, weil es so viele kluge Sprüche gibt, wie man das verhindern kann. Auch Mose redet mit Gott darüber und erfährt Entlastung, seine Last wird auf viele Schultern verteilt, aber sie wird nicht zerbröselt, die Köpfe und Herzen sind mit demselben Geist erfüllt. Ich denke, wo das wirklich passiert und gelingt, ist es ein Geschenk und eine Erfahrung des Geistes, weil mit weniger Kraft und Anstrengung plötzlich mehr geht. Weil nicht die Schraube des Drucks immer weiter angezogen wird, sondern einfach die Bremse gelöst wird. Wir feiern heute Taufe und der Vergleich zur Situation des Mose leuchtet vielleicht nicht gleich ein - aber doch ruht auf uns Eltern neben allen glücklichen Erfahrungen auch eine unabsehbare Verantwortung - mögen Sie nie in die Situation kommen, mit ihren Kindern irgendetwas verkehrt zu machen - und sie merken zugleich wie unwahrscheinlich das ist. In der Taufe lassen wir unsere Kinder los in Gottes Hand, die weiter reicht als unsere Hände reichen. Das macht unsere Liebe und Verantwortung nicht kleiner, aber es gibt Rückhalt. In der Taufe geben wir unsere Kinder hinein in das Netzwerk der Gemeinde. Die Paten ganz besonders, aber auch die Gemeinde nimmt teil an der Verantwortung für diese Kinder. Unsere Verantwortung als Eltern wird dadurch nicht überflüssig, aber wir werden bereichert durch die Unterstützung der anderen und es ist ein Geist, der uns miteinander verbindet. Darauf vertrauen wir, wenn wir vor Gott bekennen, dass wir so gut es geht für den Glauben unserer Kinder eintreten wollen. Das geht eigentlich gar nicht - es ist ein Geschenk des Geistes, der weitergeht und Herzen ergreift und Vertrauen weckt. Wir wünschen das und erbitten das von Gott und wollen das Unsere dazu tun. Wir feiern heute das Pfingstfest der Entgrenzung und in den Nachrichten begegnen wir immer wieder dem symbolischen Zaun. Zwölf Kilometer für 100 Millionen und Fangnetze in der Ostsee vor Heiligendamm - und in der Videobotschaft der Kanzlerin der Appell: keine Gewalt. Irgendwie eine absurde Situation aber ein sprechendes Symbol von der Macht, die sich abgrenzt und einmauert. Die kaum noch wahrgenommen werden kann als Kraft etwas zu bewegen. Ich bin Globalisierungsbefürworter - ich werde es dann gleich lesen: Gehet hin in alle Welt ... so hat es angefangen. Aber ich bin auch Globalisierungsgegner, wenn das Fleisch das ich esse, Menschen im Norden Brasiliens hungern läßt, weil auf dem Land Futtersoja statt Mais angebaut wird. Ich denke, so ähnlich wird es den meisten gehen. Niemand weiß den genauen Weg. Aber eins ist klar: Es braucht einen Geist der die gewaltigen und todbringenden Grenzen in unserer Welt überwindet. Es braucht mehr als Worte, denen keine Taten folgen - Entwicklungsziele deren Erfüllung in immer weitere Ferne rückt - es braucht aber auch bei den Menschen einen neuen Geist der gemeinsamen Verantwortung für das Leben. Ein Bewußtsein, dass was mir selbst gegeben ist, nicht einfach mir gehört, sondern verliehen ist als Gabe und Aufgabe. An vielen anderen Beispielen liesse sich das weitererzählen, aus der Kirche, aus dem persönlichen Leben. Wir nehmen im Fest Urlaub vom Alltag, Urlaub von der Ausweglosigkeit, Urlaub von der Resignation. Es geht nicht allein um eine Methode des Teilens von Verantwortung, sondern um ein Geschenk Gottes, das wir wie Mose von Gott erbitten sollen, für das wir uns innerlich bereiten sollten. Gott selbst breitet seinen Geist aus und gibt sich immer weiter in die menschliche Wirklichkeit hinein. Wird er dadurch nicht vieldeutiger und schwerer fassbar, wenn plötzlich nicht mehr nur Mose, sondern auch noch 70 Älteste für den Weg des Volkes einstehen sollen? 70 Älteste, die vom Geist ergriffen werden und anfangen ekstatisch zu weissagen. Es gibt hier eine interessante Übersetzungsdifferenz. Luther übersetzt: sie gerieten in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf - und er spricht allen aus der Seele, die sich schwer tun die guten Pläne in viele Hände zu verteilen: das gibt ein einziges aufgeregtes Chaos. In der hebräischen Bibel steht dagegen: Wie über ihnen der Geistbraus ruhte kündeten sie einher - nicht taten sies hinfort. Vielleicht begannen sie ja im neuen Geist miteinander zu wirken und das Fest in den Alltag mitzunehmen.
|
Predigt zur Konfirmation am Sonntag Jubilate
1. Mose 1, 1-4a. 26-31; 2, 1-4a
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. 26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. 1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. 4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden Sehr gut seht Ihr heute aus. Ich weiß ja nicht wie das bei euch war, wie ihr zu eurer Kleidung für den heutigen Tag gekommen seid. Vermutlich wart ihr nicht bei einem Maßschneider. Aber einmal kam ein Mann zu einem Schneider und gab eine Hose in Auftrag. Allein es dauerte, bis sie fertig wurde, einen ganzen Monat hat der Schneider gebraucht. Als sie dann fertig war, beklagte sich der Kunde noch einmal so richtig: “Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, und Sie brauchen für ein paar Hosen einen vollen Monat.” “Sehen Sie sich doch die Welt an”, entgegnete der Schneider, “und dann betrachten sie sich diese Hose!” Sehr gut. Es ist doch herrlich, wenn jemand so einverstanden sein kann mit seinem Werk. Und ich hoffe, ihr seid heute so einverstanden mit diesem Tag: mit euerm Fest, daß ihr euch auch anstiften lasst zur Freude: Jubilate. Auch für uns, die Mitfeiernden ist das ein Fest: daß ihr Euch entschlossen habt: Wir wollen uns für den Glauben entscheiden und unsere eigene Stimme, unser eigenes Gesicht in die Gemeinde mit einbringen. Wir freuen uns, daß Ihr da seid. Wir wünschen Euch, daß ihr euch im Glauben immer wieder zur Freude anstecken laßt, daß der Glaube für euch eine Quelle der Freude ist, gerade wenn ihr euch diese Welt, eure Welt, unsere Welt anseht. Dazu will uns der Predigttext anstiften, der nicht nur vom Anfang der Welt redet, sondern von uns. 1. Etwas Neues beginnt und Gott hat seine Hände im Spiel "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer." Etwas ganz Neues beginnt, auch für euch: manche sagen ganz feierlich: der Schritt ins Erwachsenenleben. Das stimmt. Ihr entscheidet heute und künftig selber in Dingen Eures Glaubens. Aber es stimmt nicht in jeder Beziehung. An vielen Stellen habt ihr noch Zeit - oder auch Eltern, die sagen, was geht. Das ist sehr gut, manchmal ärgerlich, aber auch sicherer, denn wie die Zukunft aussieht, wohin die Lebensreise gehen soll: so klar ist das noch nicht. Vielleicht ist da manchmal eher Irrsal und Wirrsal - Tohuwabohu - Luther: wüst und leer. Aber gerade dort fängt das Neue an, dort hat Gott seine Finger im Spiel und läßt etwas neues Schönes und Lebensfähiges entstehen. Die Finger Gottes im Spiel, die sieht man mit den Augen des Glaubens, wie die Israeliten vor 2500 Jahren, die die Schöpfungsgeschichte erzählt haben. Und darum mache ich euch heute Mut, mit den Augen eures Glaubens nach der Hand Gottes in eurem Leben Ausschau zu halten, wie sie Licht und Klarheit entstehen läßt, selbst dort, wo erst mal nur Irrsal und Wirrsal zu sehen ist. 2. Es ist eine wunderbare Welt, die Gott geschaffen hat. "Und Gott sah an, alles was er gemacht hatte und siehe: es war sehr gut!" Eine sehr gute Welt, so wunderbar und vielfältig wie ihr selbst. Und da ist all das Viele eingeschlossen, das ihr noch gar nicht entdeckt habt. Einen riesigen Luxus an Möglichkeiten hat Gott in die Welt hineingelegt: So viele erforschte und unerforschte Arten zu leben, in den Weiten der Meere, auf dem Land der Kontinente, unter unserem gemeinsamen Himmel. Und das alles auf einer stecknadelgroßen Erde im riesigen Weltall. Aber vielleicht sagt einer: Moment! Spricht der von unserem bedrohten und ausgeplünderten Globus? Bedroht von Klimaerwärmung und unwiederbringlichen Aussterben von Arten des Lebens? Das ist die andere Seite. Unsere Welt ist kein Selbstbedienungsladen, in dem alle nur mitnehmen können, was ihnen gerade gefällt. Daran geht die Welt kaputt. Sie braucht die Balance des Lebens. Aber dafür lohnt es, sich anzustrengen, daß diese Welt ein Platz voller Möglichkeiten bleibt, für mich und für andere. Die Möglichkeiten unserer Zukunft haben es in sich: sehr Gutes und sehr Böses kann man sich vorstellen. Es wird euch - auch heute schon - nicht zu wenig abverlangt, euch zu mühen und anzustrengen im Namen der Zukunft. Ich wünsche euch den Glauben der Schöpfungsgeschichte: Diese Welt ist herrlich, voller Möglichkeiten, es lohnt sich seine Kraft dafür zu geben, daß sie es bleibt, für mich und für andere. 3. Darum heißt es auch, hat Gott die Menschen und euch ganz besonders gemacht: "Und Gott schuf die Menschen zu seinem Bilde und segnete sie und sagte: Macht euch die Erde untertan." Ebenbild Gottes sollen wir sein. Oft denken wir eher, kleiner unbedeutender Irgendwer in der Masse zu sein, am liebsten manchmal unsichtbar. Die göttlichen Typen, das sind andere: die hängen an der Wand in meinem Zimmer oder geistern durch meine Träume. Auch die alten Israeliten kannten Ebenbilder Gottes: der Pharao von Ägypten wurde so verehrt oder der König von Babylonien. Und nun auf einmal heißt es: Du, Ich, uns hat Gott als Könige unter Königen in dieser Welt geschaffen, daß wir miteinander diese Welt gut regieren und bewahren. Wieder gilt: das sehe ich mit den Augen des Glaubens, das spüre ich im Herzen, wie als ob Gott mich von innen küßt. Die anderen sehen das vielleicht anders: meine Mitmenschen kriegen vielleicht so einen Hals, wenn ich mich wie ein Pascha benehme. Aber zu diesem Glauben sollen wir uns immer wieder anstiften lassen, zu diesem Bekenntnis: Gott liebt mich und traut uns sehr viel zu, seinem Ebenbild. Darum ist er zu uns auch mitten in unsere Welt gekommen: Jesus hat uns mit seinem Leben deutlich gemacht, daß der Weg zu Gott immer wieder offen steht, auch wenn wir falsch leben, auch wenn wir nicht wie Könige leben, sondern wie Sklaven oder wie Tyrannen. Er will uns immer wieder einladen unsere sklavische Angst und unsere unbändige tyrannische Gier einzutauschen gegen die wunderbare Freiheit seiner Kinder. 4. Aber zuerst fängt es ganz anders an: mit einem Feiertag. Der erste volle Tag der Menschen ist ein Ruhetag, ein Tag zum Staunen und zum Freuen. Schaut euch die Welt an: wir feiern heute ein Fest. Wir wünschen euch von Herzen Gottes Segen und die Freiheit aus seinem Glauben für diesen Tag und für euren Weg in die Zukunft. Amen.
|
Predigt am Sonntag Miserikordias Domini
Matthäus 5, 3-10 / In diesem Gottesdienst zum Thema "Zukunft" stellten sich die KonfirmandInnen der Gemeinde vor
3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. 4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. 5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. 6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. 7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. 8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. 10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Liebe Gemeinde, Selig sind, die geistlich arm sind ... Selig sind die Barmherzigen ... Selig sind, die reinen Herzens sind ...Selig sind die Sanftmütigen ... soll darin wirklich Zukunft liegen? Wer kann sich das schon leisten, mit so einer Einstellung durchs Leben zu gehen, in dem jeder weiß, dass der Weg in die Zukunft uns Leistungsorientierung abverlangt und die Fähigkeit, sich gegen andere zu behaupten? Einmal 1 von 100 zu sein, damit man es schafft? Ich möchte in dieser kurzen Predigt davon erzählen, dass dies keine Gegensätze sein müssen und dass eine gute Zukunft auch etwas mit den unabgegoltenen Träumen der Vergangenheit zu tun hat. Ich möchte von einem Mann erzählen, von dem schon viele gehört haben und deshalb vielleicht denken, warum erzählt er jetzt schon wieder von dem? Der gehört doch in die Vergangenheit. Die Rede ist von Martin Luther, das ist sein Vorname und King ist sein Familienname. Martin Luther King mußte in seinem Leben 1 von 1000 sein und das hat er geschafft und er hat es geschafft ohne den Haß, die Gewalt und das Denken in vorgefertigten Rastern einfach in die Zukunft weiterzuschreiben. Darum darf man bei diesem Thema an ihn erinnern. Martin Luther King stammte aus eine schwarzen Familie in Georgia, USA zur Zeit der "Rassentrennung". Und wie jede schwarze Familie kannte auch seine die Verachtung gegen die Nigger, die Willkür der Weißen, ihre christlichen Argumente für ihre Vorherrschaft. Sie sagten: Wenn man die bestehende Ordnung aufhebt und den Negern dieselben Rechte einräumt und sie auf dieselben Schulen gehen läßt wie unsere Kinder, führt das zu Unordnung und Gewalt. Martin Luther wußte von Anfang an: als Schwarzer mußt du an jeder Stelle besser sein, um das gleiche zu erreichen wie deine weißen Brüder und Schwestern - so redete er später immer von den Weißen, als einige dieser Brüder und Schwestern bereits einmal versucht hatten sein Haus in die Luft zu sprengen. Vielleicht kam er auch nur so weit, weil er außergewöhnlich begabt war: zwei Schulklassen hat er übersprungen und reden konnte er. Aber es kam nicht einfach aus der Luft - er hat ungewöhnlich hart gearbeitet, auch später als er schon Pfarrer geworden war: für eine Predigt, brauchte er 15 Stunden Vorbereitung. Er wurde nämlich Pfarrer im Süden der USA. Er folgte seiner inneren Stimme, obwohl er auch im Norden, wo die Situation der Schwarzen sehr viel besser war, sehr viele Möglichkeiten gehabt hätte. Aber er sah, dass er dort gebraucht wurde, wo seine schwarzen Schwestern und Brüder entsetzliches Unrecht litten. Und er war überzeugt, dass man für gleiche Rechte eintreten und kämpfen muß. Aber, das hatte er in seinem Studium von Gandhi in Indien gelernt: die Kraft zum Kampf kommt nicht aus der Gewalt, sondern aus dem, was die Menschen sind, aus der Würde und dem Recht, aus der Menschlichkeit, die Gott ihnen gegeben hat. Es begann 1955 mit dem Busboykott in Montgomery, Alabama. Eine Frau, Rosetta Parks, hatte sich geweigert, ihren Platz im hinteren Teil des Busses für einen weißen Mann zu räumen und war dafür ins Gefängnis gekommen. Die Schwarzen sagten: wir müssen etwas tun und uns dagegen organisieren und sie wählten den neuen jungen Pfarrer Martin Luther King zu ihrem Vorsitzenden. Man beschloß: wir fahren erst wieder Bus, wenn wir nicht mehr wie der letzte Dreck behandelt werden und so fuhren viele Busse leer - über ein Jahr hat das gedauert und eine Riesenbewegung in Gang gesetzt, in der es nicht mehr nur um Busse, sondern um gleiche Bürgerrechte für alle ging. Martin Luther trat immer dafür ein: wir dürfen das Unrecht, das uns geschieht, nicht mit Unrecht und Gewalt heimzahlen. Sondern wir müssen unseren Gegnern gewaltlos, ja mit Liebe begegnen. Denn, so waren seine Worte: dieser Kampf ist nicht nur für uns wichtig, sondern auch für unsere weißen Brüder und Schwestern. Auch ihnen wird es besser gehen, auch sie werden in einer besseren Welt leben, wenn die Rechte der Verachteten und der Schwachen geachtet werden. Ich überspringe das allermeiste und komme auf seine berühmteste Rede zu sprechen. Das war 1963 beim Marsch auf Washington, als sich 250.000 Menschen auf der Mall in Washington versammelten und Martin Luther King vor dem Lincoln Memorial sprach: Ich habe einen Traum. Ich träume von einer anderen Zukunft. In der meine vier kleinen Kinder nicht mehr nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden Aber dieser Traum kam nicht nur aus seinen eigenen Gedanken, sondern er erinnerte die Amerikaner an ihre eigene Vergangenheit, in der sie als obersten Satz in ihre Verfassung geschrieben hatten: Wir halten dafür, dass alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Glauben, frei und gleich geboren sind. Das ist etwa die Stelle, wo in unserem Grundgesetz der Satz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diesen unabgegoltenen Traum griff er auf und machte ihn zu seinem eigenen. Und zu einem Traum, der sehr vielen Menschen plötzlich buchstäblich neu vor Augen stand. Der Traum von einer Welt, in der wir einlösen, was schon lange in uns ist, in der Menschen gelernt haben, einander menschlich zu begegnen und Gerechtigkeit Wirklichkeit werden zu lassen. Martin Luther King geht noch weiter und erinnert an den Propheten Jesaja aus der Bibel: der Traum ist noch älter, uralt und doch ein Fingerzeig in seine - und vielleicht auch in unsere Zukunft. 5 Jahre später, 1968 ist Martin Luther King erschossen worden. Aber hat der Attentäter ihn damit erledigt? Kann er uns nicht bis heute erinnern an das, was längst schon in uns steckt? Auch wenn so ein Mensch nicht einfach ersetzt werden kann. Und auch wenn viele von uns vielleicht nicht solche Ausnahmebegabungen haben wie er. Wenige Schritte von hier steht auf einer Wand: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Ich träume von einer Gesellschaft, in der alle, egal ob 1 in Mathe oder 4, ihre Begabungen frei entfalten können. Ich träume von einer Welt, in der alle, egal ob Christ oder Muslim, ohne Angst leben können - steht auf einer anderen. Ich würde hinzufügen: Ich träume von einer Welt, in der wir mit den Gütern dieser Welt so umzugehen lernen, dass alle leben können. Wäre das nicht das Wichtigste? Träume ich diesen Traum etwa allein? Steckt er nicht in uns, aus unserer Vergangenheit und aus unserem Glauben an einen guten Gott. Das wäre ein Ziel, das dies nicht nur ein Traum bleibt, sondern ein Megatrend wird. Amen.
|
Predigt am Sonntag Invokavit
Lukas 22, 31-34 / in diesem Gottesdienst wurde ein Kind getauft
Pling - wie ein Sprung im schönen Weinglas ist plötzlich der Zauber und der Klang dahin. Ein kleiner Anstoß. Die Spannung überzogen. Ein feiner Riß. In Tränen löst sich der kostbare Inhalt auf. Sie saßen in großen Runde, es war sehr leidenschaftlich und munter zugegangen am Tisch. Einer versuchte den anderen zu übertreffen. Um die Zukunft ging es, und wer den Ton angeben könnte. Alle waren dabei. Und natürlich die üblichen Kandidaten vorn dran. In der Erinnerung ist vor allem das Gerangel der Männer geblieben. Aber das ist doch der übliche Sport. Aber dann wird einer herausgegriffen, nur für einen Moment. "Hast Du mal einen Augenblick, ich muß mal etwas mit dir besprechen. Dauert gar nicht lange." Und was kommt jetzt? (Lukas 22, 31-34:) "Simon, Simon, siehe der Satan hat begehrt euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst." Weiter geht der Disput am Tisch. Es wird noch toller. Als sie die Waffen herzeigen sagt Jesus: Es ist genug. Einer hat vollauf genug. Wie Tropfen aus einem Riß sickert es in Petrus ein, was er gerade gehört hat. Die anderen haben das gar nicht mitgeschnitten, scheint es. " ... dass dein Glaube nicht aufhöre." Er kann offenbar aufhören, verloren gehen. Und hat man erst einmal hingeschaut, sieht man den letzten Rest verinnen. Plötzlich liegt so vieles offen, was immer da war, verkraftet, umwitzelt, verdrängt. Alles hat er hinter sich gelassen, einen radikalen Bruch vollzogen, Beruf, Familie, Tradition alles passé - eine Befreiung, ein Aufbruch. Kein stinkender Binnenfischer, ein Menschenfischer, ein freier Schüler und Mitarbeiter Jesu, ein Vorbote einer neuen Zeit. Aber manchmal spürt er die Narbe der abgeschnittenen Herkunft. Was Generationen vor ihm einfach selbstverständlich getragen hat, das ist für ihn nicht mehr da. Aufgegeben. Es gibt kein Zurück, aber es wächst auch keine neue Kindheit nach. Manchmal kostet es so viel Kraft, nach vorn zu gehen. Irgendwann hat die Begeisterung nachgelassen. Nicht erst an diesem Tisch, an dem offen um Macht und Einfluss gerangelt wurde. Es geht auch in der Gemeinschaft Jesu menschlich zu, idiotisch manchmal. Und der Glanz hält nicht für immer. "Ja!", "Nie und nimmer!", "Auf jeden Fall!", "Bis ans Ende der Welt!" - sehr oft und sehr überzeugt hat er das gesagt, aus vollem Herzen. Aber das ist einige Zeit her. Und als er es jetzt gesagt hat, "Ich bin bereit mit dir zu sterben" - hat Jesus es ihm nicht abgenommen. Wo ist das Feuer geblieben, das einst in ihm brannte? Sein Glaube macht sich klein. Vielleicht weil er sich so machtlos fühlt gegenüber der Gewalt. Andere entscheiden über die Zukunft. Da sind Kräfte, die alles kaputtmachen, gnadenlos durch die Träume seines Lebens marschieren. Ohne Sinn. Und ohne, dass jemand dem Einhalt gebietet. Kein mächtiger lieber Gott im Himmel der sagt: Stop! Die Spur der Verwüstung bleibt in der Seele. Aug in Aug mit der Gewalt ringt die Angst das Eigene nieder: es gibt Momente, da ist alles Schöne verschwunden, nur der Wille zum Überleben nicht. Und auch diese Verbiegung bleibt und schmerzt. Glaube kann aufhören? Ganz allmählich kann das geschehen. Kann versickern durch feine Risse, unmerklich fast im Gang der Zeiten. Simon Petrus hat vollauf genug. Aber als er aufsieht, merkt er, dass Jesus noch immer bei ihm ist, auf seinen Blick wartet, ihn ansieht. Geduldig, entspannt. "Ich habe für dich gebeten ..." meine Gedanken und Gebete sind ganz bei dir und die Energie meines Herzens würde ich gern in deines geben. Du bist nicht allein. "Dein Glaube wird nicht aufhören." Er wird sich wandeln. Mitten aus dem Gemenge an diesem Tisch, in diesem Gerangel um die Aufmerksamkeit und die Macht, spürt er den aufmerksamen Blick Jesu. Du wirst zurückkehren. Wie weit du auch in deinem Herzen jetzt weg bist. Du wirst zurückkehren und die Angst überwinden. Das Ja zum Leben, das Ja zum Glauben an die Zukunft ist doch stärker als die Gewalt und kann die Angst bezwingen. Ich glaube an Dich, Gott glaubt an Dich: Er sah an, was er gemacht hatte, und siehe: sehr gut. Dein Weg ist richtig, dein eigener Weg, mit allen Kurven, die müssen sein. Denn es werden nicht Kopien und Abbilder, nicht Untertanen und Ja-Sager gebraucht, sondern Menschen wie du mit eigener erlittener Erfahrung. Deine eigene, ganz besondere Glaubenserfahrung wird gebraucht als Ermutigung für andere. Steh ihnen bei, nicht als geschnitzte Holzfigur mit goldenem Heiligenschein, sondern als lebendiger, erfahrener Mensch, als geliebter Sünder. Genaugenommen stehst du nicht am Ende, sondern am Anfang, wenn auch mit einem Sprung im Glas, na und? Wir kommen nicht durchs Leben, ohne naß zu werden. Die Taufe erinnert uns daran und macht uns aufmerksam auf das Wasser des Lebens, das in unser Leben fließt. Gott schaut uns an, aufmerksam, geduldig, vertrauend und sagt uns: Ich brauche dich, so wie Du bist, mit Deinem eigenen Leben. Sehr gut. Lass es herausgucken, dass Du Gottes Kind bist, voller Glauben an das Leben und voller Mut, lebensdienlich zu handeln. Immer wieder neu, es beginnt täglich. Wir kommen nicht aus, ohne dass uns das Licht immer wieder aufgeht. Das gelingt uns manchmal nicht allein. Der Gesprächsfetzen zwischen Jesus und Petrus, dem wir gelauscht haben, stammt aus der Abendmahlserzählung bei Lukas. Und auch dort sehen wir, wie Jesus mit einfachen Zeichen den Blick seiner Freunde umkrempelt. Inmitten einer Luft, die von Verrat, Machtkampf und Tod klirrt, sagt Jesus: Ich teile mein Leben mit euch, bis zum letzten Schluck, nehmt und stärkt euch. Das ist nicht das Ende. Das ist der Anfang. Dazu sind wir auch heute eingeladen. In mit und unter diesem Brot und Wein begegnet uns Christus, der uns ansieht und verwandelt.
|
Predigt am Sonntag Septuagesimae
Matthäus 9, 9-13
9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Liebe Gemeinde, Ausgerechnet Wittenberg: Man traut dem Geist dieses Ortes offenbar noch eine Menge zu. Ausgerechnet Wittenberg wurde zum Tagungsort eines großen Zukunftskongresses der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von dort ging einst der Funke der Erneuerung kraftvoll durch das Land und durch die Welt. Heute liegt Wittenberg in einem der entchristlichsten Landstriche der Welt. Die 95 Thesen sind Bronze geworden an der Kirchentür der Schoßkirche. Aber geht noch mehr als geschichtliche Erinnerung von Wittenberg aus? "Kirche der Freiheit" ist das große Stichwort, mit dem evangelische Kirche, ihr eigenes Profil und zugleich ihr Weg in die Zukunft beschrieben werden soll. Das ist tatsächlich für viele Menschen eine Stärke der evangelischen Kirche, die Freiheit, Toleranz und Vielgestaltigkeit der evangelischen Kirche. Zugleich spürt man ihr noch stärker als der katholischen Schwesterkirche die Risiken der Unverbindlichkeit und Beliebigkeit ab. Was heißt evangelisch sein und was heißt evangelische Freiheit? Das Programmpapier "Kirche der Freiheit" - Perspektiven für die Kirche im 21. Jahrhundert" beginnt nicht mit den Herausforderungen und Gefahren für die Zukunft; aber sie sind der Hintergrund, vor dem die Zukunftsüberlegungen so dringend geworden sind, dass sich jetzt etwas tut. Die Bevölkerung in Deutschland wird bis 2030 um 6% zurückgehen, also um 5 Millionen Menschen. Zuwanderung wird diesen Rückgang nicht aufhalten und zuwandernde Menschen werden in vielen Fällen Anhänger anderer Religionen sein. In der evangelischen Kirche wird dieser demographische Trend durch frühere und heutige Kirchenaustritte junger Menschen verstärkt. Das heißt, die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder könnte im Blick auf ganz Deutschland auf 2/3 des heutigen Standes zurückgehen. Hier in den neuen Bundesländern kommt die Abwanderungstendenz dazu, so dass im Jahr 2030 möglicherweise nur reichlich die Hälfte der heutigen Kirchenmitglieder übrig sein könnten. Der Anteil der älteren und alten Gemeindemitglieder könnte dann noch einmal deutlich gestiegen sein. Stellen Sie sich vor, wir sind nur die Hälfte gegenüber heute. Es wäre vielleicht klug, in ein kleineres Zimmer zu gehen. Aber es gibt auch Chancen, die in dem Papier sogar an erster Stelle genannt werden: Die gesellschaftliche Situation ist günstig, das Interesse an Religion verliert in vielen Bereichen den Geruch von Peinlichkeit. In Zeitungen, Theatern, in Film, Literatur und Bildender Kunst wird das Thema wieder bearbeitet. Und die Menschen fragen und suchen. Ganz verschiedenes und in vielen Fällen suchen sie bestimmt nicht die Kirche, aber doch ist die Stimmung anders geworden. Zu den Chancen gehört auch die Arbeit und das Engagement vieler Menschen in den Gemeinden, die mit Treue Bewährtes aufrechterhalten und mit Phantasie neue Formen der Gemeindearbeit entwickeln. Eine interessante Beobachtung finde ich, dass der Konflikt der Generationen, zwischen Jugendlichen und Senioren in der Gemeinde gegenüber früheren Zeiten in den Hintergrund getreten sei. Aber auch die Auseinandersetzung um verschiedene Frömmigkeitsstile hat vielerorts an Schärfe verloren. Und die Akzeptanz dafür, dass die Kirche missionarisch arbeiten, aktiv Menschen für den Glauben gewinnen will, ist größer geworden. So viel erst mal für heute an Referat. Ich möchte das Thema am Sonntag zur Gemeindeversammlung noch einmal fortsetzen. Jetzt möchte ich es im Gespräch mit dem Bibeltext noch etwas an uns heranholen. In der Begegnung mit dem Predigttext möchte ich sagen: die Freiheit der evangelischen Kirche muss sich an der Freiheit Jesu messen lassen. Gerade im Kontext des Schiftabschnitts, den wir gehört haben, wo Jesus sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzt, sich über Frömmigkeitskonventionen der starken und ernsthaften Pharisäer hinwegsetzt, wird das immer wieder deutlich. Kurz zuvor hatte man ihm einen Kranken gebracht und er sprach diesen an: Dir sind deine Sünden vergeben - das was dich von innen her quält. Damals wie heute war das Sprengstoff und rief heiße Diskussion hervor - aber der Kranke ging am Ende geheilt weiter. Jesus begegnet den Menschen unkonventionell und offen, nicht in Herablassung, sondern in Gemeinschaft. Er tritt nicht auf als selbstgerechter Oberlehrer, sondern setzt sich mit den Menschen an einen Tisch, wie hier mit Zöllnern und Sündern. Jesus setzt sich dabei sogar über gute Bräuche und Sitten hinweg, aber nicht in einem liberalen Sinne: wie es mir gefällt, sondern in einer Freiheit, die den Menschen und das Menschliche im Blick hat. Fasten und Enthaltsamkeit haben ihren Platz dort, wo es den Menschen und ihrer Situation entspricht, so geht es weiter. An Jesus sehen wir eine Freiheit, die von Gott kommt, den Menschen sucht und die selbst innerhalb der Religionsgemeinschaft für Bewegung und Veränderung sorgt. Jesus knüpft an einen Propheten, Jahrhunderte älter als er an, Hosea: Lernt heute neu, was das heißt: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Und er konkretisiert das so: Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich möchte zwei Bereiche ansprechen, wo wir die Freiheit Jesu brauchten, wo wir Jesus an unserem Tisch brauchten. Dabei soll es nicht um persönliche Schuld gehen, sondern um Versagen, das auch strukturelle Gründe hat, wie das bei den Zöllnern damals auch der Fall war. Vielleicht gehen uns diese Fragen dennoch auch persönlich nahe. 1. Eine ganz wichtiges Problem, das im Papier "Kirche der Freiheit" angesprochen wird hat damit zu tun, dass mitten in der Kirche viele Menschen verlernt haben, was es heißt zu glauben, Glauben zu leben. Vor ein paar Wochen stand ich in der Nikolaikirche und neben mir schwärmte eine Frau laut zu ihrer Freundin von ihrer Silberhochzeit in dieser Kirche. Auch ihre Kinder und Familien waren dabei: "Die sind natürlich alle nicht mehr in der Kirche.", sagte sie. Natürlich! Was ist daran natürlich? Aber bezeichnend ist es doch und nicht nur für die fremde Frau in der Nikolaikirche. "Die heutige Elterngeneration", schreibt die Studie, "hat in den siebziger Jahren die Enttabuisierung des Kirchenaustritts mitvollzogen, selber eine große Distanz zur Religion entwickelt und sie als Indifferenz sozial vererbt." 'Kann kaum noch glauben', manchmal scheint das nicht nur momentaner Zweifel, eher als sei die Gewißheit des Glaubens herausgerieselt aus dem heutigen Leben. Aber wie kann man wieder glauben lernen? Wo setzt sich Jesus zu uns an den Tisch und teilt mit uns sein Vertrauen, dass die Welt jung und anfänglich ist und dass heute die Nähe Gottes auch für mich lebendige Hoffnung bedeutet? Woraus schöpfen wir den Mut, aufzustehen und Jesus nachzufolgen wie der Zöllner Matthäus? Diese Fragen kratzen spitz und intensiv. Aber Jesus beginnt nicht mit denen, die alle Antworten auswendig wissen, sondern setzt sich zu denen, die die Kraft brauchen, aus dem Altbekannten Wege ins Leben zu finden. Dort müsste uns die Freiheit Jesu begegnen. 2. Eine zweite Frage möchte ich noch stellen, die ebenfalls mit unserer kirchlichen Situation zu tun hat. Die ist hier im Osten besonders prekär, wegen der Feindschaft gegen die Kirche im Staatssozialismus der DDR-Zeit. Aber ist das wirklich wahr? Sind die Kommunisten schuld? Liegen die Ursachen nicht tiefer? Auch nicht bloß bei den Nazis. Sondern darum, dass die Kirche in der sozialen Frage im 19. Jahrhundert keine überzeugende Antwort gefunden hat, dass sie als verbündet mit Herrschaft und Macht wahrgenommen wird, aber nicht im guten Sinne, sondern restaurativ. Warum konnten so viele Menschen aus der Kirche weggehen, ohne jemals etwas zu vermissen? Der großen inneren Kraft der Kirche, die es zweifellos an vielen Stellen gab und die viele von uns erlebt haben, fehlte es aufs Ganze gesehen an Entschiedenheit und Gestaltungskraft. Manchmal waren wir sogar geneigt, die elitäre Minderheit für eine Tugend zu halten. Wie können wir Kirche bei den Menschen sein, mit Menschen den Mut zum Leben in die Zukunft teilen, den Jesus uns zuspielt. Und ich denke diese Frage stellt sich heute sozial in unserer Gesellschaft und zugleich global im Blick auf die Nachhaltigkeit unseres Lebens und unserer europäisch abendländischen Werte. In einer gefährdeten Welt die Komplizenschaft mit dem schleichenden Tod immer wieder zu bekämpfen und den Weg ins Leben zu suchen. Wo setzt sich Jesus mit uns an den Tisch, um uns den Mut, die Klarheit und die entschiedene Freiheit zu geben? Wittenberg, bronzene 95 Thesen, ich fürchte das allein reichte nicht. Aber wo wir frei werden, zu uns zu stehen, zu unserem eigenen Leben, unseren Stärken und Schwächen, werden wir frei, mit Jesus in die Zukunft zu gehen. Und Jesus zeigt uns eine Freiheit, die den Menschen sieht, die Menschlichkeit lebendig werden läßt und die mitten zwischen zweifelhaften Gestalten im Vertrauen auf Gott die Freude am Leben teilt. Das wünsche ich mir auch und wünsche ich uns. Amen.
|
Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias
Markus 2, 18-22 / In diesem Gottesdienst wurde ein Kind getauft
Liebe Gemeinde, Wie gehen Sie eigentlich mit den zusätzlichen Pfunden um, jetzt nach Weihnachten? Haben Sie da einen Weg gefunden? Pegelt sich das bei Ihnen von selber wieder ein, wenn der Stress wieder losgeht? Oder arbeiten Sie mit Vorsätzen? Bald werden uns die Magazine wieder darauf hinweisen, dass irgendwann auch Strandwetter ist, und dann muß das in Ordnung gebracht sein. Warum nicht mal fasten? Das bringt die Sünden der Festtage wieder in Ordnung. Das machen viele. Das Schriftwort für die Predigt steht im Markusevangelium im zweiten Kapitel: 18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? 19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. 20 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage. 21 Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger. 22 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen. Jesus beschreibt die Situation seiner Jünger mit dem Bild einer Hochzeit. Das ist ein altes Bild, das schon in der Hebräischen Bibel vorkommt und zeigen will, daß Gott seinem Volk wie ein liebender Bräutigam nahekommt ist. Daß Gott den Menschen liebevoll nahekommt, das feiern die Christen im Epiphaniasfest, das seinen Sinn durch die Geschichten von der Anbetung der Könige, von der Taufe Jesu und schließlich von diesem Bild der Hochzeit her bekommt. Das Bild der Hoch-Zeit bringt uns auch in Erinnerung, dass die Freude über die Entdeckung des Lebens eigentlich das ist, was uns wirklich zu Neuem im Leben ermutigen kann, was Aufbruch ermöglicht. Die kleinen Schritte der Veränderung, die die wachsende Angst uns abtrotzt, sind auch etwas wert, aber nichts gegen die Verwandlung, die in einer erfüllten Zeit, wie der, von der im Evangelium gesprochen wird, geschieht. I Es geht eigentlich darum, das Fest zuende zu feiern, die Kunst, ein Fest wirklich zu feiern, und nicht zu früh die Festfreude vom Gedanken an den Alltag anknabbern zu lassen. Das ist manchmal eine Herausforderung. Mein früherer Bibliotheksleiter stöhnte vor der Hochzeit seines Kindes. Auf Kreta. Das Fest geht eine Woche. Der ganze Ort feiert mit, man kann schon mal mit tausend Gästen rechnen. Und hinterher sind alle pleite. Ein Fest zuende feiern, das muß man erst mal durchhalten. In Leipzig sind die Weihnachtsbäume verbrannt oder sie liegen auf Haufen, fertig zum Abholen. Dabei will das Fest auch jetzt in der Epiphaniaszeit noch seine Kraft entfalten. Gott kommt uns nahe in einer liebenden Begegnung, im Geheimnis der Geburt des neuen Lebens, im Licht der Klarheit, das auf unser Leben fällt. Haben wir das ausgefeiert, damit es uns noch lange begleitet? Gott tritt in unser Leben ein, kommt mitten in die Wirklichkeit unserer Welt. Haben wir noch einen Sinn, ein Gespür dafür, dass er da ist, dass wir ihn wahrnehmen, ihm nachhören, zu ihm reden können, oder will das Gefühl der Gottverlassenheit schon wieder nach uns greifen? Läßt sich das Geheimnis der Nähe Gottes, für das wir zu Weihnachten so empfänglich geworden sind, mit hineinehmen in unsere Tage im Gebet, in der Freude über das, was Gott uns schenkt, im Hinhören , was er will. Auch im Blick auf unser Tun. Zu Weihnachten entdecken viele Menschen ihr weites Herz für Notleidende. Das ist großartig. Aber warum klingt das manchmal so rasant wieder ab? Das Christkind will kein Fabelwesen im Dezember sein, sondern Christus will Menschlichkeit in unser ganzes Leben bringen. Ein Fest zuende Feiern, dem Geschenk der Nähe und der Liebe den Raum geben, die sie brauchen, um nicht einzugehen. Bleiben Sie als Eltern staunend über das Wunder des neuen Lebens, über das Geschenk, über die Eigenständigkeit und Besonderheit ihres Kindes und lernen sie mit ihr für das Geheimnis des Lebens empfindsam zu bleiben. II Aber wo Menschen von der Festfreude wirklich erfasst werden, tun sie auch manchmal verrückte Dinge. Sie erfinden das Leben neu. Sie sehen die Welt anders als es immer war und das bringt die Welt durcheinander. Die Jünger Johannes des Täufers und die Pharisäer sind irritiert, wieso die Jünger Jesu so anders sind. Vielleicht geht es uns manchmal nicht anders. Aber wenn wir damit rechnen, dass Menschen heute zum Glauben finden, dann werden wir auch entdecken, dass sie den Glauben in Formen leben, die uns vielleicht gar nicht vertraut erscheinen. Sie finden ihre eigenen Ausdrucksweisen und ihre eigenen Orte, um als Glaubende, als Christen zu leben. Manchmal darf man nachfragen und wie in der christlichen Gemeinde der ersten Zeit wird der eigene Weg nur im Gespräch und in der Diskussion zwischen Tradition und Neuanfang gefunden. Beide sind wichtig: die Pharisäer, die nachfragen und die Jünger Jesu, die frohgemut ganz anders leben. Das ist spannend und manchmal kracht es, aber so ist das Leben und so war es schon immer: In der alten Christophorus-Legende sagt der Einsiedler dem starken Mann, was er zu tun hat, wenn er dem König Christus dienen will: "Der König, dem du dienen willst, begehrt, daß du viel fastest." Antwortete Christophorus: Er fordere von mir ein ander Ding, denn dies vermag ich nicht zu tun. Sprach der Einsiedler: Es ist not, daß du viel zu ihm betest! Antwortete Christophorus: Ich weiß nicht, was das ist und kann ihm darin nicht folgen. Da sprach der Einsiedler: Weißt du den Fluß, darin viele Menschen umkommen, so sie hinüber wollen fahren? Du bist groß und stark. Setze dich an den Fluß und trage die Menschen hinüber, so wirst du Christus dienen, dem du zu dienen begehrst. Sprach Christophorus: "Das vermag ich wohl, und ich will ihm darin dienen." Und eben dort, begegnet er Christus in dem Knaben, der ihn unter Wasser drückt. Begleiten Sie ihr Kind auf der Suche nach seinem eigenen Weg und lassen Sie es Anteil haben an Ihrer Suche nach dem eigenen Weg und dem Vertrauen, dass wir von Gott begleitet sind, und dass er uns überall begegnen kann. Beim Einsiedler, in der Kirche, zu Hause, auf Arbeit. Glaube will etwas alltägliches sein. III Die Verse aus dem Markusevangelium lassen natürlich auch erkennen, daß es andere Zeiten gibt. Hier schon, ganz zu Anfang ein Hinweis auf den weiteren Weg Jesu. Auf festlose, leidgefüllte Zeiten. Vielleicht ist es ja auch nur, daß wir auf zu vielen Hochzeiten tanzen, hin- und hergerissen sind, unsicher, worauf es wirklich ankommt im Leben. Zu unentschlossen, um wirklich Partei zu ergreifen. Zu hoffnungslos um Träumen zu vertrauen. Das sind Zeiten des Fastens und ich meine damit nicht nur den Verzicht auf Speisen. Ich verstehe unter Fasten eine hungrige Suche nach Tiefe, in die ich als ganzer Mensch, nicht nur in meinen Gedanken auch mit den Fasern meines Körpers verwickelt bin. Daß Gott mit uns Menschen ist, das meine Welt durchsichtig wird für das Geheimnis Gottes, ist eine Schlüsselerfahrung des Glaubens, aber sie bleibt auch oft eine unerfüllte Sehnsucht. Manchmal bleibt nur noch unsere eigene Kraft und Anstrengung, das Durchhalten in der Hoffnung und in der Erinnerung, dass Gott nahe ist, dass er Segen, Leben, Veränderung schenkt. Fasten ist Suche nach der inneren Begegnung mit Gott, nach dem inneren Kern meines Tuns und meines Träumens. Eine Suche die hoffentlich damit endet, daß wir gefunden werden. Wir leben zwischen Himmel und Erde und Glaube kann im Extremfall bedeuten, mit einer blutigen Nase zu bekennen, dass seine Engel mich auf den Händen tragen. Glaube ist kein magischer Schutz gegen Widerfahrnisse des Lebens, sondern ein Gegründetsein und Geborgensein in der Zusage des Lebens bei Gott. IV Darum lassen sie uns die Zeichen der Vergewisserung und der Freude und der Stärkung auch heute wahrnehmen. Wir sind auf unserem Weg eingeladen, uns im Abendmahl stärken zu lassen. Wir dürfen ehrlich sein zu uns selbst und gegenüber Gott wenn wir an seinen Tisch gehen. Wir sind vielleicht an verschiedenen Punkten, wir haben verschiedene Einsichten und Ansichten über den Weg des Glaubens und der Gemeinde. Aber wir alle leben davon, dass Gott uns Leben schenkt, dass er uns nahekommt. Darum dürfen wir uns einladen lassen, hineinnehmen lassen in die Gemeinschaft an Brot und Wein, in die Gemeinschaft des Segens für Kinder und Gäste, in die Gemeinschaft des Friedens, die uns angeboten wird.
|
Predigt am Ewigkeitssonntag
J.S. Bach: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (Actus tragicus) (BWV 106) / Jesaja 65, 17-25
Bachkantate: Chor: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit. In ihm leben, weben und sind wir, solange er will. In ihm sterben wir zur rechten Zeit, wenn er will. Arioso Sopran: Ach, Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Arie Bass: Bestelle dein Haus; denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben. Chor und Sopran: Es ist der alte Bund: Mensch, du musst sterben! Ja, komm, Herr Jesu, komm! Jesaja 65 17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. 18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, 19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. 20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. 21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. 22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. 23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. 24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. 25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR. Liebe Gemeinde, „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ heißt die Kantate von J.S. Bach, die er schon als 22jähriger, als junger Mann voller Tatendrang geschaffen hat. Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit - manchmal läßt sich das eher noch im Rückblick sagen auf die Vergangenheit. Geschenkte Zeit ist unser Leben, das uns in Erinnerungen vor Augen tritt, auch im dankbaren Andenken an das Leben, das wir mit Menschen geteilt haben, die jetzt nicht mehr da sind. Wir leben in bemessener Zeit, begrenzter Zeit! „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ - können wir das auch von unserer Gegenwart sagen und in die Zukunft glauben, die so sehr von Endlichkeit gezeichnet und von Begrenztheit durchstrichen sind? Der Predigtabschnitt spricht von einer neuen Zeit, von Gottes Zeit und Gottes Welt: „einen neuen Himmel und eine neu Erde will ich schaffen, daß man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ Gesagt ist dies zu Menschen, denen die alte Welt gerade ganz sehr zu Herzen geht, die ihre Grenzen allzu deutlich erfahren. Die Menschen haben eine Zeit hinter sich, in der die Elite des Landes, die führenden Köpfe in Wirtschaft und Wissenschaft, in Politik und Prominenz weit weg lebten - in Babylon. Nun sind einige von ihnen und Nachfahren zurückgekehrt. Es besteht der Wille der Rückkehrer, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen, die Institutionen wieder zum Leben zu erwecken, die Schmach der Vergangenheit vergessen zu machen. Aber wird das gelingen? Kann man das Vergangene einfach ungeschehen machen? Können Heimgekehrte und Dagebliebene überhaupt wieder miteinander leben? Besonders die einfachen Leute, die nicht zur weggeführten Elite gehörten, haben ihre Zweifel daran: es müßte sich etwas viel grundlegender ändern: ein neuer Himmel und eine neue Erde; Gott müßte seine Schöpfung noch einmal beginnen, nein, nicht das Alte durchstreichen, sondern einfach von Grund auf erneuern, nicht nur äußerlich. Das ist ein Traum aus Gottes Mund. Und eben kein Traum der Eliten und Technokraten nach unbegrenzter Macht und Unsterblichkeit von Tempel und Palast - sondern ein Traum der einfachen Menschen nach einem Leben, das nicht umsonst ist, das nicht geraubt und nicht gewaltsam zerrissen wird. Noch einmal zur Kantate: zwei inhaltliche Linien prägen dieses Werk und werden auch musikalisch ausgeformt. Sie laufen stellenweise ganz parallel, wie wir gerade gehört haben - und wie wir das am eigenen Leibe erleben. Da ist die eine, die uns hinweist auf das Gesetz dieser Welt: Mensch, du mußt sterben! - auch wenn du träumst von der Unsterblichkeit und bis zum letzten gegen deine Grenzen anrennst- es gibt kein Entrinnen: Bereite dein Haus. Die andere Linie heißt: Ja! Ich nehme Gottes Zeit an. Ja, komm Herr Jesu! In Gottes Zeit, in Gottes Ewigkeit bin ich aufgehoben. Das ist das Evangelium, die gute Nachricht von Gottes allerbester Zeit, genannt Ewigkeit. Ein Wort des jüdischen Theologen Martin Buber sagt das so: Der echte Glaube spricht ich weiß nichts vom Tod, aber ich weiß, dass Gott die Ewigkeit ist, und ich weiß dies noch, dass er mein Gott ist. Ob das, was wir Zeit nennen, uns jenseits unseres Todes verbleibt, wird uns recht unwichtig neben diesem Wissen, dass wir in Gottes Hand sind - der nicht „unsterblich“, sondern ewig ist. Aber das ist nicht leicht zu verdauen, wo wir doch beides am eigenen Leibe erleben: auch das Gesetz: Mensch, du mußt sterben. Und wo gerade heute der Schmerz des Abschieds noch einmal auflebt. Vielleicht ungesagte Worte immer noch auf dem Herzen brennen. Und wo auch die schönen Erinnerungen weh tun, weil sie vorbei sind. Es lebt in uns der Traum von der Unsterblichkeit. Vielleicht wie im Predigtabschnitt aus Jesaja: man soll die Stimme des Weinens und Klagens nicht mehr hören. Als Knabe gilt, wer mit hundert stirbt. Hätte der Tod nicht seinen Schrecken verloren, wenn das Leben wirklich zu Ende gelebt werden könnte? Aber der Traum von der Unsterblichkeit im Herzen der Menschen geht oft viel weiter. Wir möchten die Grenzen des Lebens und unserer Möglichkeiten ganz und gar vergessen machen. Mensch, du mußt sterben, aber du willst dich mit deiner eigenen Arbeit unsterblich machen, mit deinem Geist die Grenzen des Todes immer weiter hinausschieben, willst deine eigene Endlichkeit nicht akzeptieren. Es strebt der Mensch, so lang er ist. Aber die Kehrseite dieser Unsterblichkeit ist eine große Einsamkeit. Einsam ist schon heute leider mancher steinalte Mensch, wenn alle Lebensbegleiter vorangegangen sind. Einsam ist auch der immer strebende Faust. Einsam ist die unsterbliche Seele. Anders aber ist Gottes Zeit: der Traum der Menschen aus Gottes Mund im Jesajabuch spricht nicht wirklich von Unsterblichkeit, nicht einmal vom Jenseits, sondern von zuende gelebtem Leben. Von gelebter Zeit: die das Haus bauen, leben darin. Die das Feld bestellen, essen seine Früchte. Der unzeitige Tod, dieser Fluch, der das Leben vor der Zeit beendet, soll nicht mehr sein, Kinder, die durch Hunger und Gewalt sterben, das soll nicht mehr sein. Leben, das diesen Namen verdient: so wird Gottes Zeit sein. Leben, zu dem der Mensch ohne Einschränkung Ja sagen kann, Leben, das der Mensch selbst mit seinen Grenzen annehmen kann, weil es gelebt ist: Ja. So geht der Traum von Gottes Zeit und es ist ein Traum des Miteinander, der allen gilt, nicht einer kleinen Elite. Dafür lohnt es sich zu leben. Es gehört dazu, daß die Gesegneten des Herrn die Stimme Gottes vernehmen: ehe sie rufen, antwortet er. Gott ist ganz nahe. Ja, Gott ist alles in allem - wir alle sind in Gott. Dieser Traum von Gottes allerbester Zeit, von seiner Ewigkeit, fängt hier schon an: im gelebten Leben, im Ja zu Gottes Zeit. In deine Hände befehle ich meinen Geist. So geht die Kantate weiter. Die Worte des Psalms, die Worte Jesu am Kreuz zeugen von diesem Ja zu Gottes Zeit im Glauben daran, daß in seinen Händen alle und alles aufgehoben sind in Zeit und Ewigkeit. Amen. Bachkantate (Fortsetzung): Arie Alt: In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöset, Herrr, du getreuer Gott. Arioso Bass und Choral: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Mit Fried und Freud ich fahr dahin in Gottes Willen. Wie Gott mir verheißen hat: Der Tod ist mein Schlaf worden. Chor: Glorie, Lob, Ehr und Herrlichkeit sei dir, Gott Vater und Sohn bereit, dem heilgen Geist mit Namen! Die göttlich Kraft macht uns sieghaft durch Jesum Christum. Amen.
|
Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis
Psalm 84 (2-13)
2 Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth! 3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. 4 Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen - deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott. 5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. 6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! 7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. 8 Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion. 9 HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs! SELA. 10 Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten! 11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. 12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. 13 HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt! Liebe Gemeinde I. Ich erinnere mich noch, wie wir als Studenten im Sommer durch Budapest zogen. Eine heiße, bunte, laute, lebendige Stadt mit einem Flair fast schon wie im Westen. Und dann, mitten in einer Häuserfront, tritt man durch einen Barockgiebel in eine Kirche ein und ist umgeben von Stille, einem besonderen Duft und einem großen Raum, der einen unwillkürlich vorsichtig macht. Und ein Gefühl: ich bin klein in etwas sehr Großem. Ein besonderer Ort, vielleicht ein heiliger Ort, mitten im geschäftigen und lauten Alltag und doch ziemlich weit von diesem Alltag entfernt. Manche Kirchen sind solche besonderen Orte, manchmal ist es auch der Sternenhimmel auf einem dunklen Feld, wo wir einen Anflug von diesem überwältigenden Gefühl bekommen. Der Beter von Psalm 84 kann den Ort etwas genauer beschreiben. Für ihn ist das ganz konkret der Tempel in Jerusalem, zu dem er sich aufgemacht hat und den er euphorisch und in schillernden Farben beschreibt. Lieblich sei sie – die Wohnung Gottes, den die Himmel nicht fassen können. Ein Nest, warm und kuschelig, - für die Vögel des Himmels die weiter fliegen als unsere Augen sehen können. Ein Haus, wo auch Leib und Seele des Beters zu Hause sind – auf eine besondere, etwas unerklärliche Weise. An einem heiligen Ort. Vielleicht ist er mit Erntegaben gekommen, um Gott zu danken für das, was in seinem Leben und durch seine Arbeit wachsen konnte, und um zurückfließen zu lassen, von dem, was er geschenkt bekam. Den Tempel in Jerusalem gibt es nicht mehr, den einen heiligen Ort für alle gibt es nicht, aber vielleicht kann auch jeder von uns angeben, wo für ihn oder für sie ein heiliger Ort ist. Wo ich spüre, ich werde klein in etwas sehr Großem, ich bin ein Kind Gottes. Und in dieser Demut liegt die größte Kraft, weil die Würde und die Stärke die daraus kommen von niemandem genommen werden können. Sie machen mich groß und aufrecht vor denen, die mich Tag für Tag klein und willfährig sehen wollen. Die Stadt Leipzig hat vor hundert Jahren das Land unter diesem Haus hergegeben für eine Kirche und nur für diesen Zweck. Da soll ein Ort sein, mitten in der Geschäftigkeit des Alltags, der an die Mitte der Kraft und der Würde der Menschen erinnert. Und es soll ein Ort für die Stadt, für alle Menschen sein. II. Der Beter des 84. Psalms ist vermutlich ein Pilger. Wer weiß wie weit sein Weg gewesen ist, um nach Jerusalem zu kommen. Ein wenig beschwerlich ist er schon gewesen, aber der Weg durchs dürre Tal wurde ihm zum satten Quellgrund durch den Blick auf sein Ziel. Pilgern ist irgendwie wieder populär geworden in den letzten Jahren. Menschen machen sich auf den Weg, laufen, radeln, rennen oder fahren mit dem Bus nach Santiago oder an andere Orte. Ich denke, das hat mit unserer sich wandelnden Lebenswirklichkeit zu tun, die vielen ein hohes Maß an Beweglichkeit und immerwährendem Unterwegssein abverlangt. Unterwegs wohin? Wer könnte das wohl sagen. Immer wieder wird die Zukunft neu vermessen und an den Enden der Karte ziehen die, die uns Angst machen wollen und die die uns Zuversicht abverlangen. Immer schneller sind wir unterwegs von A nach B und merken doch, dass wir zu den wirklich wichtigen Zielen unendlich lange brauchen. Ein Pilgerweg übersetzt diese offene Situation in ein Bild des Weges, der Hoffnung und des Vertrauens. Wir sind unterwegs zu einem Ziel und Gott ist mit uns auf dem Weg wie an dem Ziel. Gott ist hinter uns und vor uns, dass wir in der Angst und Entbehrung, im Schmerz des Weges nicht untergehen. Glaube ist, denke ich, kein Käfig, der über unser Leben gestülpt wird, sondern eine Übersetzung unseres Lebens und unseres Unterwegsseins in eine Sprache der Erfahrung durch Jahrhunderte. Ene Übersetzung, die aus vieldeutigen Zeichen eine Geschichte mit einem rotem Faden macht, die Gottes Begleitung und seine Aufmerksamkeit auf unser Schicksal sehen lässt. Selbst durch die dürren Täler und Durststrecken, die nicht das Ende sind, sondern auf ein Ziel voller Leben zuführen. III. Aber Glaube ist noch mehr als religiöses Gefühl und spirituelle Deutung des Lebens. Er geschieht im Miteinander von Menschen.Wir wissen vom Glauben nur, weil es eine Gemeinde gegeben hat, die diesen Glauben überliefert und weitergegeben hat. Und im Neuen Testament werden die Wohnungen Gottes sehr verwegen umgedeutet: Ihr seid das Haus Gottes, der Tempel Gottes sagt Paulus von der Gemeinde in Korinth und auch der Epheserbrief sagt: ein Tempel aus lebendigen Steinen seid ihr. Im Miteinander eures Glaubens und dessen, was Gott euch geschenkt hat, im Netzwerk dessen, was ihr von Gottes Gaben weiterfließen lasst, ist der Heilige Ort, an dem Gott wohnt. Die Sprache des Glaubens redet nicht gerade klein von dem, was uns zugetraut wird. Eher euphorisch und ausgelassen wie der Psalm. Aber nicht zuerst um uns zu Höchstleistungen anzuspornen, sondern um uns aufmerksam und achtsam zu machen auf das, was Gott uns schenkt. Der uns menschlich entgegenkommt und Schuld vergibt, damit wir nicht an dem kleben, was uns festlegen will, sondern frei nach Gottes Geboten leben. Der uns entgegenkommt in dem Menschen Jesus, der bis ans Ende voller Vertrauen gelebt hat und sein Leben verschenkt hat an seine Freunde. Der im Tod nicht untergegangen ist und nicht aufhört, Leben auszuteilen an uns, die wir auf dem Weg sind und mit ihm leben sollen. Er gibt uns Brot und Wein auf den Weg, schenkt uns darin sein Leben, damit wir gestärkt, ermutigt, erfreut miteinander Leben austeilen können, wo wir sind und gehen. Wir sind willkommen bei Gott. Das ist die Mitte und die Wurzel, die uns Kraft gibt. Gott gebe, dass das nicht leere Worte bleiben, sondern dass sein Geist unser Leben erneuere und erfülle. Das Willkommen Gottes wollen wir gern weitergeben, damit wir voller Vertrauen und Hoffnung miteinander in dieser Stadt wohnen und für Gerechtigkeit arbeiten können.
|
Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis
Apostelgeschichte 3, 1-10
1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. 2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. 3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. 4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! 7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, 8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. 9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. 10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war. Liebe Gemeinde, 1. „Wo setzen wir den Bettler hin? Eigentlich müßten wir ihn vor die Kirche auf die Stufen setzen – aber das geht nicht, da wird er naß. Wir haben ihn gleich beim Eingang, dort beim Taufstein haben wir ihn hingesetzt – na ja, eigentlich würde er in der Kirche nicht geduldet!“ „Wo setzen wir den Bettler hin?“ Am Mittwoch wurde in der Friedenskirche eine Ausstellung aufgebaut: Typisches und Sakrales – typische Figuren stehen, begegnen völlig unerwartet im sakralen Raum. 12 Figuren nicht auf Sockeln an den Säulen, sondern mitten im Raum. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden der Offenen Kirche wurde überlegt: wo sollen sie stehen, die Figuren. Und auch: Wo setzen wir den Bettler hin? Jetzt sitzt er am Weg in die Kirche, wie der Gelähmte am Weg in den Tempel saß. Und sicher ging es den Menschen damals wie heute, wenn sie an dem Bettler vorbergingen, wegschauend oder neugierig, mitleidvoll oder ärgerlich. Vielleicht auch konfrontiert mit Seiten des eigenen Lebens, wo wir einfach unfähig sind, uns zu bewegen, wo wir bedürftig sind und leere Hände haben. Lassen wir davon etwas sehen? Ahnen wir, dass das zum Allerwichtigsten in unserem Leben zählt? Wir sind Bettler, das ist wahr – sollen die letzten Worte Martin Luthers gewesen sein: wir haben nichts als leere Hände gegenüber Gott – er kann sie uns füllen. 2. Na ja, ich glaube es waren noch andere Gründe, warum der Bettler, dieser von Geburt an gelähmte Mensch – übrigens älter als 40 war er inzwischen – wieso der ausgerechnet hierhin gesetzt wurde, an den Beginn der Apostelgeschichte. An ihm soll deutlich werden: die Sache Jesu geht weiter. Lukas ist ja der einzige von den biblischen Evangelisten, der sich traut, im selben Stil weiterzuerzählen nach Jesus. Jesus hat den Menschen einen Blick in Gottes Welt eröffnen können: und ja, da wurden Blinde sehend, Taube hörend und Lahme konnten gehen. Und Lukas erzählt im selben Stil weiter, nur dass es jetzt nicht Jesus, sondern Petrus und Johannes sind, die die Heilung im Namen Jesu bewirken können. Das ist ja ganz schön steil. Ich glaube an Gott und an Jesus, ganz fest, aber von der Kirche bin ich enttäuscht. Wer könnte das nicht verstehen und es gibt sicher auch viele Gründe zur Klage – aber vielleicht ist es auch manchmal unsere Gedankenlosigkeit, die uns beim Meckern und Besserwissen vergessen läßt, dass es um mehr geht. Dass es darum geht, dass heilende Worte gesprochen werden, dass Hoffnung gestärkt, Vertrauen geweckt und Freude verbreitet wird. 3. Petrus und Johannes lassen das erkennen, sie kehren das nach außen, sie stellen das dar. Sieh uns an! Sagen sie. Schau genau hin, schau nicht nur unsere Knie an in deiner Augenhöhe, nicht nur unsere Hände, von denen du etwas willst, schau genau hin, ins Gesicht und auf die ganze Gestalt. Und dann sagt Petrus etwas scheinbar völlig Absurdes: Ich habe leider kein großes Geld dabei – Gold und Silber habe ich nicht. Was für ein Quatsch: Normalerweise sagt man doch: ich habe leider kein Kleingeld dabei – Kupfer und Nickel habe ich nicht. Petrus sagt: ich kann dir nicht in Geld geben, was du brauchst. Und wahrscheinlich konnte er es tatsächlich nicht: Lukas erzählt, die Christen in dieser Jerusalemer Urgemeinde hätten allen Besitz der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt, je nachdem, wie einer etwas brauchte. Wie dem auch sei: Sieh mich an, ich gebe, was ich kann. Wann ist man eigentlich bereit zu geben – ich meine nicht etwas fallenzulassen, nicht zu investieren, um Gewinn zu erzielen und sei es ein gutes Gewissen – sondern zu geben, loszulassen, weiterfließen zu lassen, zu schenken? Ich bin mir bewußt, dass das Beispiel vielleicht banal ist: aber ich finde man kann es doch einmal nennen. Bill Gates ist einer der reichsten Männer der Welt. Er hat beschlossen, dass jedes seiner Kinder nur 10 Mio erben soll und dass er mehr als 90 % seines 50 Mrd Vermögens spenden will, einsetzen will zu Bekämpfung von Krankheit und Armut in der Dritten Welt. Er meint: es ist richtig, dass das meiste zurückfließt in die Gesellschaft. Petrus würde vielleicht sagen, dass es zurückfließt zu Gott, von dem alle guten Gaben kommen. Aber haben wir schon genug, dass wir großzügig sein können? Petrus und Johannes sind bereit zu geben und sie geben weiter, was mit Geld gar nicht zu bezahlen ist, das Vertrauen und die Hoffnung, die Freude, die sie im Glauben an Jesus gefunden haben. 4. Und bei all dem sitzt der Gelähmte, von Geburt an, und mehr als 40 Jahre war es so, ein ganzes Leben. Und er lebte nicht von schönen Worten, sondern – ja, vom Kleingeld seines Alltags, vielleicht auch einmal von einem freundlichen Blick, vor allem aber von der tätigen Solidarität seiner Nächsten, vielleicht der Familie oder der Nachbarn – wir hätten sie fast übersehen, die ihn jahraus, jahrein hingebracht haben. Die das Alltägliche und Selbstverständliche tun, auch wenn sich damit keine große Show und vielleicht nicht einmal eine Riesenvision verbindet. Die auch aushalten, dass sich nichts verändert, dass nichts zu machen ist, die das mittragen und lindern und einfach da sind. Und ich möchte gern, dass sie mehr sind als die Folie und der Hintergrund für diese Geschichte. Sie stehen für einen ganz wichtigen Teil unseres Lebens, und im Aushalten, Warten und Dasein nicht zu verzagen ist eine große Herausforderung. Aber dann kommt die andere Herausforderung: Petrus und Johannes geben dem Gelähmten Bettler im Namen Jesu etwas von der Wirklichkeit der Welt Gottes weiter: im Namen Jesu Christi des Nazoräers stehe auf und geh umher. Und sie fassen ihn an und richten ihn auf und seine Knochen werden fest und er geht. Das ist wesentlich mehr als Fördern – das ist Fordern: Steh auf! Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, ob ich nicht Angst hätte, er läge noch viel elender im Dreck hinterher. Wie findet man den richtigen Ton, die wirksame Ermutigung, das Vertrauen, dass es wirklich gehen kann? Fördern und Fordern – es ist wie eine gesellschaftliche Lähmung, dass es nicht möglich ist, Menschen zum allgemeinen Wohl zu aktivieren, Arbeit und Reichtum sinnvoll zu verteilen. Das ist zum Verzweifeln manchmal. Es ist ein Zeichen von Gottes Wirklichkeit, wenn das gelingt, wenn die Herausforderung zum Leben wirklich lebendig macht. Das ist ein Geschenk! 5. „Es ist ganz wichtig, das gehört zum Ausstellungskonzept, dass die Figuren nicht verrückt werden“, so haben wir am Mittwoch gelernt. Also der Bettler muß bleiben, wo er ist. Das ist ein Konzept, das uns bekannt vorkommt in unserem Leben – aber in der Geschichte im weitererzählten Evangelium heißt es: Und er ging und er sprang und er lobte Gott. Die das sahen wurden mit Schauder und Entsetzen erfüllt. Also soll man nun vom Konzept abweichen? Und der Friede Gottes ...
|
Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis
Jeremia 1, 4-10
4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn aich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, aich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du aausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. Liebe Gemeinde Was ist Ihre Meinung zu Graffiti? Snow und Meine Wand und unentzifferbare Krakel oder besser: "tags"? Ich muß sagen, ich bin stinksauer über neue Schmierereien und möchte auch am liebsten, dass die sie wieder wegmachen, die sie angebracht haben. Aber ich denke zurück, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre. Durch unser Land ging eine Systemgrenze und in Berlin stand eine Mauer, die heute vor 45 Jahren errichtet wurde. Wir wußten, dass diese Betonbarrikade mit ihrem Todesstreifen auf der einen Seite auf der anderen Seite mit bunten Schmierereien verziert war. Das war komisch, aber bei allem physischen Schrecken, ist sie im Geist dadurch etwas durchsichtiger geworden. Vielleicht war das ein prophetisches Zeichen. Uns liegt als Schriftwort heute ein Abschnitt aus der Berufungsgeschichte des Jeremia vor. Ich möchte einmal wagen, diese ganz einmalige historische Begebenheit auf uns zu beziehen und anhand dessen, was gesagt ist zu schauen, wo Gottes Stimme für mich vernehmbar ist in der Welt. Ob das gelingt? 1. Wir lesen: „Des Herrn Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete ...“ „Herr, du erforschst mich und kennst mich ..“, beten wir im Psalm 139 „Deine Augen sahen mich als ich noch nicht bereitet war und alle Tage waren in dein Buch geschrieben ...“ Wer sich um eine Stelle bewirbt, muß Zeugnisse vorlegen. Ich muß zeigen, was ich geworden bin. Wo ich herkomme, welche Sprachen ich spreche, welche Fähigkeiten mir zuerkannt werden. Aus der Anerkennung durch andere ergibt sich ein Bild von mir und das wirkt auch auf mein eigenes Selbstbewußtsein. Das ist auch richtig so. Wer das nicht tut und vielleicht im Stile Jeremias auftritt: Ich habe eine innere Stimme vernommen, ich will ab heute das und das sein, wird seine Chancen möglicherweise falsch einschätzen. Am schönsten ist es, wenn jemand einen inneren Draht zu einer Lebensaufgabe hat und die äußeren Merkmale perfekt dazupassen. Jetzt zähle einmal jeder, wieviele solche Menschen wir kennen. Und wer das selbst ist, preise seinen oder ihren Schöpfer. Aber in dieses Lob des Schöpfers dürfen auch wir anderen einstimmen, mit Jeremia. Ich kannte dich, bevor du etwas geworden bist, ich wollte dich, ich brauche dich, darum hast du das Leben. Mein Leben und meine Welt kommt von Gott. Ja, schön, sagt vielleicht ein leidenschaftlicher junger Mensch, dafür kann ich mir nichts kaufen. Vielleicht. Aber ich finde in diesem Glauben an das Ja des Schöpfers ein Zuhause, einen Rückhalt der mir Ruhepunkt und Kraftquell sein kann im Gerangel um Anerkennung und Erfolg. Und vor allem: er gibt Raum zu fragen: ja wie sol es denn sein, mein Leben, meine Welt? 2. Wir lesen: „... ich sonderte dich aus und bestellt dich – Jeremia – zum Propheten für die Völker. Ich aber – Jeremia – sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“ Ich bin geneigt aus eigener Erfahrung zu sagen: Der hat vermutlich recht. Nicht nur, dass er vor den unangenehmen Nebenfolgen des Auftrages zurückschreckt, er ist vielleicht auch wirklich nicht der rhetorisch Versierteste, einflussreichste, durchsetzungsstärkste Kandidat. Aber Gott mutet ihm diesen Auftrag zu. Gott mutet mir mein Leben zu. Ich weiß nicht, ob das auch zu Ihren Erfahrungen gehört, dass die Selbsteinschätzung über Begabung und Kompetenz manchmal ziemlich abweichen kann von dem, was uns im Leben tatsächlich zugewiesen und abverlangt wird. Was unsere Berufung ist. Ich bin an vielen Stellen dankbar und erstaunt, dass es ganz anders gekommen ist, als ich geplant und entworfen habe. Und bin dennoch nicht gefeit davor, mich aus den Zumutungen meines Lebens herauszuwinden, wenn sie meinen Plänen zuwiderlaufen. Ist das nicht eine große geistliche Herausforderung: den eigenen Gaben zu vertrauen und die eigenen Vorstellungen umzusetzen versuchen und dennoch offen zu bleiben für das, was sich ergibt, was Gott fügt? Zu schwimmen mit aller Kraft und dennoch sich treiben zu lassen im Strom des Lebens? Sich immer strebend zu bemühen und dennoch sich zu überlassen? 3. Wir lesen: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Jeremia wird berührt von Gott und als Werkzeug verwandt von Gott, der sein Wort durch diesen Menschen ausrichtet. Gott gebraucht das Leben Jeremias und mein Leben. Daraus spricht der Mut und die Demut des barmherzigen Gottes, der sich an das Wort und das Lebenszeugnis von Menschen bindet. Und zugleich menschlichem Wort und menschlichem Leben zutraut, Gott und seinen Willen deutlich zu machen. Und daran wird die Größe einer Berufung Gottes deutlich: wo aus einem Menschenleben nicht nur Selbstdarstellung und Selbstrechtfertigung entgegenkommen, sondern etwas ausstrahlt von dem Geist und der Würde des heilversprechenden Gotteswortes für unsere Welt. 4. Wir lesen: „Siehe ich setze dich über Völker und Königreiche, dass du ausreissen und einreissen, zerstören und verderben sollst, bauen und pflanzen.“ Jetzt endlich kommen wir auf das Irritierende und Erschreckende zu sprechen. Gerade vor dem Hintergrund unserer Weltsituation und der Nachrichten, die uns erreichen. Krieg im Nahen Osten, Gewalt, Terror und Zerstörungswut, womöglich im Namen eines entsetzlich falsch verstandenen Gottes. Darf man solche Worte, wie das eben gelesene dann überhaupt noch in den Mund nehmen? Wir sind, was wir geworden sind, wir stehen in einer Geschichte, die zerstörerisch und verderblich ist. Und im Blick auf dieses Wort der Bibel – nicht pauschal im Blick auf alle Worte der Bibel – sage ich, es deckt auf, was da ist. Es macht Jeremia nicht zu einem Agenten der Gewalt, sondern zu einem, der aufdeckt, sichtbar macht. Diese entlarvende Kritik ist nötig, damit Alternativen in den Blick kommen. Den angeprangerten Verhältnissen der Verehrung falscher Götter, der sozialen Ungerechtigkeit und der verhängnisvollen Machtpolitik stellt er den Willen Gottes zu einem Leben als sein Volk gegenüber, stellt er Neuanfänge und Hoffnung aus der Erinnerung an die Geschichte gegenüber. Es geht anders. Er ist damit allein – oder besser: er ist ein Einzelner, mit dem das Neue beginnt. Nicht das, was alle tun, was so viele für unabänderlich halten, was unentrinnbar scheint zählt: sondern das ein Einzelner für das Leben, für die Wahrheit eintritt. Auf verlorenem Posten das sagt und lebt, was aussichtslos ist aber lebenschaffend und wahr. Das ist die Ermutigung an mich, den Anfang des wahren Lebens nicht bis auf den jüngsten Tag zu verschieben, sondern heute, morgen auch als Einzelner damit zu beginnen. Und das bedeutet auch im Blick auf unsere Welt: Kritik ist wichtig und nötig: Die Bestreitung des Existenzrechts Israels darf nicht eine Sekunde eingeräumt werden, ebensowenig wie das Lebensrecht und die Menschenrechte der Palästinenser Spielball politischer Willkür sein dürfen. Aber diese Kritik muß das Ziel eines Interessenausgleichs und eines gewaltfreien und verständnisvollen – um nicht gleich zu sagen friedlichen Zusammenlebens vor Augen haben. Gottes Wort, sein Ja zu dieser Welt und zu meinem Leben, ist Kritik und Erinnerung. Es schafft den Raum des Glaubens, aus dem wir trotz aller Zweifel und Mutlosigkeiten immer wieder gerufen sind, als seine Kinder etwas von dem Geist und der Hoffnung Gottes weiterzuleben. Es ist nicht nötig zur Spraydose zu greifen, um eine Mauer zu besprühen, aber es ist nötig, im Geist Gottes die Symbole der Trennung und der Gewalt zu hinterfragen und durchsichtig zu machen.
|
Predigt am Sonntag Estomihi
Der Predigt am "Faschingssonntag" liegt das Schriftwort Amos 5, 21-24 zugrunde
Liebe Gemeinde, das Schriftwort für die Predigt stammt aus dem Propheten Amos, das war ein von Gott beauftragter Bauer in Israel im 8. Jahrhundert vor Christus, ein kleiner, aber einer der prägnantesten Propheten unserer Bibel. Ich lese seine Worte und vielleicht denken Sie sich meinen Talar weg und sie stellen sich einen zornigen Bauern vor oder Sie denken sich eine Narrenkappe auf meinen Kopf. Amos spricht Worte, die von Gott kommen: Amos 5, 21-24 21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. 22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Die Pointe ist, glaube ich, bei allen angekommen, damals und heute, rein äußerlicher Kult und Gottesdienstinszenierungen fernab vom Leben sind nicht Gottes Sache. Gottes Wort und Gottes Gegenwart, Gottes Energie fließen dort, wo Recht und Gerechtigkeit erfahrbar sind. Dort ist die Quelle des Lebens, dort fließt das Leben ohne zu vertrocknen. Wir haben das gesehen in der Taufe: Moritz wurde ins Recht gesetzt als Gottes Kind, das Gerechtigkeit leben kann, das Leben fördern kann. Wo aber liegen die nie versiegenden Quellen? Wo aber fließt das Leben in Gerechtigkeit ohne zu erstarren? Ohne in vielen kleinen Gerechtigkeiten zu verrinnen? Ich möchte der Frage nicht mit einer Reise in die Zeit des Amos nachgehen, sondern sie an den biblischen Texten für diesen Sonntag aufspüren, die auf ihre Weise den vor den Kopf stoßenden Effekt der prophetischen Rede des Amos in sich tragen. 1. Kapitel: Die Quelle ohne Fluß Ich beginne mit einem, der gefunden hat und gefunden wurde: Petrus. Einer von den engsten Begleitern Jesu, der bei Jesus die Quelle und die Mitte seines Lebens gefunden hat. Er ließ seinen Fischerberuf sausen um mit Jesus Menschenfischer zu werden. Mit allem, was er hatte, stellte er sich der Sache Jesu zur Verfügung, weil er spürte: hier ist etwas ganz Großes, hier wächst eine Zukunft, die ich um keinen Preis verfehlen möchte. Dafür lohnt sich voller Einsatz. Hier ist Gottes Reich im Kommen. Und Petrus gab sich so intensiv in die Nachfolge Jesu hinein, dass schon bald deutlich wurde, dass er einer von den besonders blickigen und fähigen Jüngern war, so etwas wie der Sprecher der Jünger Jesu und engster Vertrauter Jesu, direkt an der Quelle. Es ist ein Wunder, wenn ein Mensch so deutlich und intensiv das Thema und die Mitte seines Lebens entdeckt: dafür will ich leben bis zum letzten Atemzug. Ein Leben in geordneten Bahnen ist nichts dagegen. Aber dann kommt Petrus an einen Scheideweg, von dem im Evangelium die Rede war: Jesus sagt zu ihm: Geh weg von mir, du Satan. Du willst nicht, was Gottes ist. In einem Augenblick wendet sich alles ins Gegenteil. Als Jesus davon sprach, dass sein Weg leidvoll weitergehen und ans Ende kommen wird, zieht Petrus die Bremse: Das werden wir zu verhindern wissen, dass du leidest. Ist das nicht ein unerträglicher Widerspruch zu all dem Großen, was wir erfahren haben? Haben wir nicht die Überwindung von Leid und Tod mit eigenen Augen gesehen? Das ist der Weg! Petrus stellt sich dem Leben in den Weg, das jetzt unaufhaltsam anders weitergeht. Petrus stellt sich Jesus in den Weg, der sein Leben einsetzen will bis zum letzten. Gerechtigkeit heißt für Jesus das Leben hergeben für andere. Und Petrus möchte Staumauern errichten um die Quelle, um die Provinz des Glücks und eine Kolonie des Gottesreichs. Ein Leben ohne Leiden. Und er muß begreifen, dass das nicht geht. Warum? Preisfrage des Lebens! Aber Vorsicht mit vorschnellen Antworten. Petrus hat Jesus wiedergefunden, hat das Leben, die Gerechtigkeit, hat die Mitte seines Lebens in Jesus wiedergefunden, ganz anders als er es sich vorstellen konnte. Das wünschen wir dem Moritz, der heute getauft wurde: dass er das Thema seines Lebens deutlich findet, vielleicht liegt es ja schon in ihm, in dieser kleinen Persönlichkeit, dass er Glauben findet, der seinem Leben Richtung gibt auf eine Zukunft, die er unmöglich verpassen kann - und, dass er das Leben immer wiederfindet, wenn es einmal anders weitergeht als gewünscht. Der Taufspruch ist eine Ermutigung. 2. Kapitel: Der Fluss ohne Ruhe Die Kritik des Amos am Gottesdienst würden viele heute unterschreiben ohne überhaupt die Augen zu öffnen und einfach weiterschlafen. Aber vielleicht findet der Kult heute auch an anderen Stellen statt, vielleicht sind es ganz andere Altäre als die in den Kirchen, wo Opfer dargebracht werden. Unsere Gesellschaft hat ein zutiefst gestörtes Verhältnis zur Arbeit und dem damit verbundenen Wohlstand. Von der naiven Gerechtigkeitsidee, dass jeder Mensch sich mit seiner Würde und seinen Gaben einbringen kann und dafür Anteil am Segen der Erde, des Landes und der menschlichen Wertschöpfung erhält, sind wir unendlich weit entfernt. Das ist übrigens keine kommunistische, sondern eine biblische Idee und soll es auch bleiben. Aber hier läuft der Kult unserer Welt. Arbeitsplätze werden vernichtet, um Gewinne zu mehren und Arbeitsplätze zu erhalten. Das ist auch eine Art Opferlogik. Die Gesellschaft wird eingeteilt in die, die Arbeit haben und die, die keine Arbeit haben. Die im Kultbezirk Karriere - oder sagen wir: Verantwortung, je nach dem, wirken, strecken, verbiegen und kasteien sich oft in lebensfeindlicher Weise, aber es muß sein. Die Ausgeschlossenen sind nicht beteiligt, aber sie kommen dennoch von der Fixierung auf diesen Mittelpunkt des Lebens nicht los. Vergeben Sie mir diese leichtfüßige und oberflächliche Karrikatur. Aber ist nicht etwas dran. Würde nicht ein Amos heute an so einer Stelle ansetzen und die Menschen treffen? Ein zweiter Text, der zu diesem Sonntag gehört erzählt von zwei Frauen, die Jesus zu Gast haben: Maria und Marta. Maria setzt sich Jesus zu Füßen und lauscht, während Marta sich um die Bewirtung kümmert, sich allein gelassen und überfordert fühlt und sich bei Jesus beschwert: Ist es richtig, dass alle Last auf mir liegt? Ist es nicht ungehörig, dass die andere sich gar nicht beteiligt? Aber Jesus ergreift Partei für die andere, ergreift Partei für das Innehalten, für die Möglichkeit, die Rollen und Anspannungen bewusst hinter sich zu lassen und das Besondere zu erfahren. Es ist viel darüber nachgedacht worden, ob Jesus Marta nicht unrecht tut, ob er zu Recht für Maria spricht. Dieses Thema und diese Suche nach der Balance von Arbeit und Betrachtung wird vielleicht auch nie zur Ruhe kommen. Aber hier geht es noch um mehr. Jesus ist zu Gast, das Leben selbst ist eingekehrt. Wo liegen eigentlich die tiefsten Maßstäbe für unser Leben, die Werte wie Recht und Gerechtigkeit, und wo sind die Orte, wo wir ihnen begegnen? Wir wünschen Moritz, dass er im Fluss des Lebens Oasen findet, an denen er das Lebens selber spürt, an denen sein Glauben tanken und wachsen, Tiefe finden kann. 3.Kapitel: Der kraftvolle Strom und das Meer Einen dritten Text, die Epistel des heutigen Sonntags, möchte ich ihnen am Schluß der Predigt lesen. Der Abschnitt stammt aus dem ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Sie erinnern sich: die Gemeinde in dieser griechischen Hafenstadt voller Konflikte und Zerreißproben über die verschiedenen und gegensätzlichen Erfahrungen des Glaubens. Voller Konflikte zwischen Armen und Reichen, Gebildeten und Ungebildeten, Einheimischen und Ausländern. Paulus versucht deutlich zu machen: Wir alle sind ein Leib, der durch den Glauben an Jesus Christus zustandekommt, wir gehören zusammen und brauchen einander. Alle sind wichtig. Wenn einer unter uns leidet, leiden alle mit. Wir können nicht zugunsten der Einflußreichen die Hafenarbeiter links liegen lassen. Wir können aber auch nicht die extatischen und irrationalen Glaubensäußerungen bestimmter Gruppen: Sprachengebet, Visionen, Wunderglauben zum Maßstab für alle machen. Paulus sagt: für jeden ist die Gemeinde, ist die Zugehörigkeit zum Leib Christi wichtig. Alle werden gebraucht und alle leben davon. Der Ausgleich und die Verbindung, die Paulus sieht, ist die Liebe. Und ich denke, er meint damit nicht in erster Linie nur verliebte Sympathie, sondern die Entdeckung des anderen, die Fähigkeit seinem Leben in meinem eigenen Raum zu geben, das Staunen darüber, dass völlig gegensätzliche Dinge dennoch im tiefsten zusammengehören. Die Gemeinde in Korinth muß voll gewesen sein von allen möglichen individualisierten Gotteserfahrungen. Kein Wunder in einer weltoffenen Hafenstadt. So viele Wege Gott für sich zu finden. Auch wir kennen heute so viele Wege, die versprechen Gott, Sinn, Erfüllung zu finden. Unter uns wächst das Empfinden, wie wichtig es ist, seinen eigenen Weg zu finden. Aber was uns manchmal wie den Korinthern schwer fällt: den eigenen Weg mit anderen zu finden, die anders sind. Über das “für mich”, das wichtig ist, wieder hinauszukommen und die anderen mit einbeziehen zu können ohne Angst mich selbst zu verlieren. Paulus will uns die Augen öffnen und sagt: die Großtaten, die du vollbringen kannst verpuffen, wenn sie nicht ins Leben hineinführen, wenn sie nicht in der Liebe den anderen miteinbeziehen und auf die anderen einstellen. 1. Korinther 13, 1-13 1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. 4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. 8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen.
|
Predigt am Sonntag Septuagesimae
Jeremia 9, 22-23; in der Predigt geht es besonders um Dietrich Bonhoeffer, dessen Geburt sich am 4.2.2006 zum 100. Mal jährte.
Jeremia 9, 22-23: 22 So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR. “Sind wir noch brauchbar? Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung mißtrauisch gegen die Menschen geworden und mußten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden - sind wir noch brauchbar? Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Techniker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, dass wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden?” (Widerstand und Ergebung, 31) Diese Worte hat Dietrich Bonhoeffer in der Zeit seiner Inhaftierung im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin Tegel geschrieben. Vielleicht war er wirklich in einer vergleichbaren Situation wie Jeremia viele Jahrhunderte vor ihm: beide hatten den drohenden Untergang ihres Volkes vor Augen und Hoffnung nur durch den Untergang hindurch. Jeremia fühlte sich gedrängt von Gott gegen falsche Hoffnungen und Illusionen von politischer Selbstbehauptung Untergang anzusagen - was wenige hören wollten. Er warnte vor zerbrechenden Werten der Weisheit, der Stärke, des Reichtums, die in einer solchen Situation keinerlei Halt bieten können. Rühmt Euch lieber, dass ihr den Gott Israels kennt, baut auf Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit, die Werte, die zählen wenn es um den Neuaufbau eines Landes geht, die Werte für die Gott steht und einsteht. Dietrich Bonhoeffer beschrieb den Konflikten zu seiner Zeit etwa so: Wir haben eine schreckliche Wahl zu treffen. Entweder wir sind für den Sieg unseres Volkes und nehmen damit das Ende unserer Zivilisation in Kauf. Oder wir erwarten den Untergang unseres Volkes, und damit die Hoffnung auf ein Überleben der abendländischen Zivilisation. Er hat seine Wahl getroffen - und ist dafür auch nach dem Krieg noch heftig angefeindet worden. Ich bin dabei und möchte heute in sehr freier Anlehnung an den Bibeltext über Dietrich Bonhoeffer reden. Vor 8 Tagen jährte sich sein Geburtstag zum 100. Mal. I. Dietrich Bonhoeffer stammte aus einer Familie, die sich der Weisheit, der Stärke und des Reichtums mit großem Recht rühmen konnte. Und ohne Zweifel hat seine Herkunft und Verwurzelung in dieser Familie eine enorme Bedeutung dafür, wer er geworden ist. Vater, Karl Bonhoeffer, Professor und Geheimrat, Psychiater und Leiter der Berliner Charité. Bonhoeffer ist in Breslau geboren, die Familie zog aber 1912 nach Berlin. Mutter, Paula, geborene von Hase, bewusst Lehrerin und verheiratet mit einem Bürgerlichen, unterrichtete die Kinder in den ersten Jahren selbst. 8 Kinder, Dietrich war der jüngste der vier Söhne, hatte zwei ältere, ein jüngere und eine Zwillingsschwester. Die Kinder wuchsen in einer Umgebung der Freiheit und Bildung auf, großzügig und sorglos, unberührt von Armut und Not. Sie wuchsen in einem evangelischen Elternhaus auf - aber mit Kirche hatte das nichts zu tun. Man ging nicht in den Gottesdienst. Das war eine Welt, über die man sich erhaben fühlte. Dietrich wurde groß und wurde Theologe ohne wirklich eine Ahnung zu haben, was Kirche ist. Vielleicht hat ihn das gerettet und vielleicht spiegelt es sich auch wider in seinen späten Überlegungen zu einem religionslosen Christentum. Aber die großbürgerliche Selbstgenügsamkeit und strenge Wertorientierung allein trug nicht durch die Zeiten. Die Familie verlor einen Sohn in den begeisterten Tagen des beginnenden 1. Weltkriegs. 1933 wurde Karl Bonhoeffer zu einem Gutachter im Reichstagsbrandprozeß, der mit einer Hinrichtung endete. 1945 verloren sie Kinder und Schwiegerkinder, die wegen Konspiration und Hochverrat hingerichtet wurden. Und so eindeutig wie heute konnte damals kein Urteil ausfallen. Als Dietrich Bonhoeffer sich entschied Theologie zu studieren, löste das Verwunderung und leisen Spott in seiner Familie aus. Gerade als Theologe war er später wichtig. Aber wiederum hat er seine prägende Kirchenerfahrung nun eben anderswo machen müssen. II. Dietrich Bonhoeffer selbst konnte sich der Weisheit, der Stärke und des Reichtums rühmen. Er war sportlich, musikalisch, klug und ein disziplinierter Arbeiter. Mit 21 Jahren reichte er seine Promotion ein, bevor sein Studium abgeschlossen war. Sein Vikariat machte er in Barcelona. Mit 24 war er habilitiert aber noch zu jung um ins Pfarramt zu gehen. So schloß sich ein weiteres Studienjahr in New York an. Im Ausland und in der ökumenischen Bewegung erlebte Bonhoeffer die Kirche, die für ihn wichtig und tragend wurde. Die Gottesdienste der schwarzen Gemeinden in den armen Vierteln von Harlem waren für ihn ein begeisterndes Erlebnis. Die Theologie des Social Gospel, die Behauptung, dass die Botschaft des Evangeliums in die Gesellschaft hineinwirkt und Veränderung anstiftet, hat ihn geprägt. Vor allem aber auch der Kontakt mit Menschen, denen er in Deutschland so nicht begegnet wäre. Ein Kommilitone, Jean Laserre, ein Franzose, der merkwürdigerweise Franzosenwitze nicht lustig fand, der aber die Bergpredigt Jesu sehr ernst nahm und leidenschaftlich vertrat, wurde für Bonhoeffer ein Anstoß zum Umdenken, stellte seine deutschen pathetisch-nationalen Gedanken in Frage und trug dazu bei, dass Bonhoeffer selbst für sich entschied, Militärdienst zu verweigern. 1936 trat er bei der Konferenz der Bewegung für Praktisches Christentum in Fanö gegen eine Politik des Mißtrauens und für ein christliches Konzil des Friedens ein. Er wurde daraufhin in Deutschland als Pazifist denunziert und verlor die Lehrbefugnis an der Berliner Universität. III. In der Zeit seiner Tätigkeit für das Predigerseminar der Bekennenden Kirche versuchte Bonhoeffer an einer neuen Kirche in Deutschland zu bauen. Seine Schriften “Gemeinsames Leben” und “Nachfolge”, die in diese Zeit gehören, verraten ein fast klösterliches, strenges spirituelles Leben. Die vorherrschende Reichskirche in Deutschland bot keinen Halt und keine Gemeinschaft, das gemeinsame Leben sollte eine Art Keimzelle sein, die in eine andere Kirche hinein ausstrahlt. Kein billiger Weg, eine Weg, der immer weiter in die Provinz und in die Illegalität führte war das: aus Berlin und London nach Finkenwalde bei Stettin und schließlich nach Hinterpommern. Teure Gnade, das Leben, das einem nicht zufliegt, sondern dass sich in Furcht und Zittern und in der Zerbrechlichkeit dessen, was Menschen fertigbringen bewähren muß, ist ein Stichwort aus dieser Zeit. Albrecht Schönherr hat die innere Konzentration auf die Sache hervorgehoben, die er bei Bonhoeffer erlebt und aus dieser Zeit mitgenommen hat in seinen Dienst. Diese innere Konzentration hatte auch mit politischer Klarsicht zu tun: Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen. Spirituelle Höhenflieger, die sich aus politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen heraushalten, wollte Bonhoeffer nicht. Schon 1933 hat er in seinem Vortrag “Die Kirche vor der Judenfrage” klar Stellung bezogen - leider auf verlorenem Posten. Die Vertreibung der Juden muß die Vertreibung Jesu Christi nach sich ziehen, denn Jesus Christus war Jude. Kirche soll den Opfern unter dem Rad verbinden, aber wenn es sein muß, auch dem Rad in die Speichen fallen. Er ist später diesen Weg gegangen. Dennoch hat Bonhoeffer auch selbst Angst und Vorsichtigkeit erlebt, hat sich persönlich schwere Vorwürfe gemacht, dass er die Beerdigung des jüdischen Schwiegervaters seiner Schwester abgelehnt hat. Ein Rezept, unbeschadet, makellos und heilig durchs Leben zu kommen, hat auch Bonhoeffer nicht gehabt: Gnade, teure Gnade hat er gesucht. Von der “Avantgarde” der Predigerseminarskurse haben nur wenige den Krieg überlebt. IV. Bonhoeffers Person und Fähigkeiten waren dennoch nicht nur in der Provinz geschätzt. Er hatte Freunde, die sich um ihn sorgten und ihn befreien wollten. 1939 reist Bonhoeffer nach Amerika, entkäme durch eine Gastdozentur der Gefahr der Hinrichtung im Falle einer Einberufung - aber er kehrt nach wenigen Wochen wieder zurück. Er ringt mit seinem Gewissen und er ringt mit Gottes Wort, aus dem er sich direkt angesprochen fühlt. “Wer glaubt, flieht nicht.” hat er in den Losungen gelesen. Zum Entsetzen seiner Gastgeber reist er im Sommer 1939 kurz vor Kriegsbeginn nach Deutschland zurück. Er wird auf Bitten seines Schwagers Teil der Wehrmacht als Agent eines militärischen Geheimdienstes und Teil einer Konspiration zur Ermordung Hitlers. Wer in die Nähe Hitlers kommt, muß ihn töten, um eventuell Schlimmeres zu verhindern und einen Neuanfang zu ermöglichen. Vor den Menschen ist dies durch die gewollte Verhinderung des Schlimmeren gerechtfertigt, vor Gott aber muß der Mensch die ganze Schuld für den Mord auf sich nehmen und auf Gnade hoffen. Wir wissen, dass es dazu nicht gekommen ist. Bonhoeffer hat sich 1943 verlobt und ist kurz darauf verhaftet worden. In Untersuchungshaft hat er viele Gedanken über den Glauben und den Weg der Kirche gemacht. Mit einer bekannten Passage aus einem Brief, den er am Tag nach dem Scheitern des 20. Juli schrieb, möchte ich schließen. Sie formuliert aus seiner Sicht die Einsicht, dass das Rühmen über eigene Möglichkeiten, Taten, Verdienste an Grenzen kommt und das Leben damit dennoch nicht am Ende ist: "... Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt. Nicht ein homo religiosus ein religiöser Mensch, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ, wie Jesus ... Mensch war. Nicht die platte banale Diesseitigkeit der Aufgeklärten, der Betriebsamen, der Bequemen oder der Lasziven, sondern die tiefe Diesseitigkeit, die voller Zucht ist, und in der die Erkenntnis des Todes und der Auferstehung immer gegenwärtig ist, meine ich. Ich glaube, daß Luther in dieser Diesseitigkeit gelebt hat. Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich vor 13 Jahren in A. mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Das sagte er: Ich möchte ein Heiliger werden (- und ich halte für möglich, dass er es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: Ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. Als Ende dieses Weges schrieb ich wohl die "Nachfolge" ... Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen - sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann ..., einen Gerechten oder Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden - und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube ...; und so wird man ein Mensch, ein Christ. ..." (Widerstand und Ergebung, 247-249)
|
Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias
1. Korinther 2, 1-10
1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. 2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. 3 Und ich war bei euch ain Schwachheit und bin Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, 5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. 6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« 10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Liebe Gemeinde, Nur keine falsche Bescheidenheit - die Bibel redet riesengroß vom Menschen, von den Kindern Gottes - so ging es letzte Woche los. Und heute geht es so weiter. Aber es wird irgendwie schon wieder ziemlich unweihnachtlich in den Gedanken darüber, was die Erscheinung Gottes in der Gestalt von Jesus Christus bedeutet. Und Paulus engt das, scheint es, ganz besonders ein: allein Jesus Christus den Gekreuzigten. Soll darauf alles zulaufen? Soll das alles sein? Ein japanischer Theologe schrieb vor 30 Jahren in einer ironisierenden Meditation: Warum ist uns Christen als Sinnzeichen und als zentrales Symbol eigentlich nicht etwas Schöneres und Aufbauenderes mitgegeben als ausgerechnet ein sperriges Kreuz? Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich? Und Paulus, sie haben es gehört. Warum so ein unschönes, gewalttätiges, trauriges und vor allem sperriges Ding im Zentrum unseres Glaubens? Warum nicht etwas Schöneres, Aufbauenderes, etwas wie eine Lunchbox auf den Weg? Warum ist nicht eine geistliche Lunchbox das Begleitsymbol für unseren Lebensweg? “Man stelle sich so eine nahrhaft gefüllte Lunch-Box mit hartgekochten Eiern, ... Schweizer Käse in Scheiben, einem Stück Lammbraten mit grünem Salat und einer Thermoskanne mit heißem Kaffee vor: Wie wäre es mit solche einer kaloriengesättigten, sorgfältig gepackten “Lunch-Box” um Jesu Christi willen? Sie sieht ansprechend aus und hat einen bequemen Tragegriff, ist auch nicht schwer.” Vielleicht geht es genau darum: das Kreuz ist und bleibt ärgerlich und steht gegen den Versuch, Gott irgendwie in den Griff zu kriegen. I. Paulus ist auch irgendwie komisch. Mit einer wohlformulierten und genau durchdachten Rede macht er die Weisheit schlecht. Er gebraucht die Kunst der Rhetorik, die auf deutsch auch “Überredungskunst” genannt werden kann und behauptet im gleichen Atemzug: Ich kam zu euch nicht mit überredenden Worten. Warum? Paulus nennt an anderer Stelle seines Briefes die Weisheit als Gabe des Geistes - warum macht er sie hier so mies? Es geht ihm um den “Leib Christi von Korinth”. Wir wissen über die Gemeinde von Korinth, dass sich in ihr 3 verschiedene soziale Gruppen unterscheiden ließen. Eine erste, kleine Gruppe setzt sich aus wohlhabenden und einflußreichen freien Bürgern zusammen. Erastus war etwas wie der Leiter des Städtischen Tiefbauamtes, Krispus war ehemaliger Synagogenvorsteher, sie waren vermögende Menschen und die Gemeinde traf sich in ihren Häusern zum Gottesdienst. Das waren also Villen von einigem Ausmaß. Die zweite Gruppe war die größte. Sie bestand aus ungebildeten Sklaven und Hafenarbeitern, viele von ihnen Ausländer. Ihre Anführerin scheint eine Frau gewesen zu sein, denn es ist die Rede von den Leuten der Chloe. Die dritte Gruppe bestand wohl aus gebildeten Haus- und Schreibsklaven, die in der römischen Verwaltung, in den Banken und Behörden arbeiteten, eine Art gesellschaftlicher Mittelstand. Die ungebildeten Sklaven erwarteten keine Befreiung oder auch nur Besserstellung in der korinthischen Gesellschaft, sie erwarteten aber mit Bestimmtheit, dass sie in der Gemeinde gleiche Rechte und Pflichten genossen. Das war der revolutionäre, fast subversive Impuls der Glaubenserfahrung: vor Gott stehen wir alle auf einer Stufe, Gott selbst hat sich auch mit den Niedrigsten auf eine Stufe gestellt. Aber ein Konfliktherd lag in der kulturellen Differenz zwischen den Gebildeten und den Analphabeten und Halbanalphabeten. Während die einen mit ihren Kenntnissen aufwarten konnten, hatten die anderen keinen Zugang zum geschriebenen Wort und verließen sich eher auf spontane Erleuchtung, auf ekstatische Erfahrungen wie Zungenrede, Visionen und prophetische Eingebungen. Ich muß etwas fühlen von Gottes Kraft und Gegenwart, muß ihm vielleicht auch unvollkommen und laut Ausdruck geben können. So war ihnen der Auferstandene nahe, auch wenn sie dies nicht historisch exakt herleiten konnten. Paulus versucht die Brücke zu schlagen und beide Gruppen zusammenzuhalten. Ein Glaube, der mit bloßen Worten und vor allem auf intellektuellem Wege zu erfassen ist reicht hier nicht, sondern der Erweis des Geistes und der Kraft umschließt die verschiedenen Glaubenserfahrungen. Der Bezug auf den Gekreuzigten macht klar: Gott will alle erreichen und vielleicht geht das nur im Paradox, an dem man sich von jeder Seite reiben muß. II. Gott läßt sich nicht mit bloßen Worten begreifen, er läßt sich auch nicht in Gesetzen fassen, die im Gebrauch der Menschen in bizarren Formen erstarren - Jesu Verkündigung will kein Häkchen von der ganzen Tora auflösen, aber sie zeigt auf eine merkwürdige Art, wie Gott den Menschen nahekommt. Im Johannesevangelium wird erzählt, wie man eine Frau zu Jesus bringt, die beim Ehebruch ertappt wurde. “Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?” Fallen Ihnen auch Punkte ein, wo wir so moralisch überzeugt anspringen, wie die Menschen um Jesus damals? Von Jesus wird gesagt, dass er sich bückte, dass er sich niederbeugte - und in den Sand schrieb. Und als alle ihre Steine fallengelassen hatten, weil keiner ohne Sünde den ersten Stein werfen wollte, richtet sich Jesus zu der Frau auf - er beugt sich nicht zu ihr herab! - er schaut zu ihr auf und sagt: Wenn sie dich nicht verurteilt haben, verurteile ich dich auch nicht. Geh und sündige nicht mehr. Jesus sagt nicht: Ist nicht so schlimm, mach, was du willst - in der Sache will er den Geboten Gottes Geltung verschaffen. Aber er tut dies nicht in einem Kreuzzugsgeist des Guten gegen das Böse - sondern er tut dies in einem ausgelieferten, sich ausliefernden Geist und erweist auf diese Weise die verändernde Gegenwart Gottes. III. Gott läßt sich nicht mit bloßen Worten begreifen, er läßt sich nicht in Gesetzen fassen, er läßt sich auch nicht in Vernunft und Kultur ausschöpfen. Ein Schweizer Pfarrer löste vor fast hundert Jahren eine Wende in der Theologie aus. Der hieß Karl Barth. Er stellte eine enorme geistige Errungenschaft in Frage. In Verteidigung gegen die Auflösung des Glaubens durch die Aufklärung, Säkularisierung, Verweltlichung hatte man versucht festzustellen und aufzuweisen: religiöses Fühlen ist für jedes höhere Menschentum unentbehrlich. Und weiter hatte man gezeigt, dass sich alle historischen Religionen auf einer Stufenleiter anordnen ließen, die ihre Spitze im Christentum fand, das alle ihre positiven Eigenschaften in sich beschließe und sie an Vergeistigung und Versittlichung der Gesellschaft übertreffe. Die Vertreter des Christentums sahen sich in diesem Bewusstsein im Einklang mit dem gesellschaftlichen Fortschritt, nicht als rückwärtsgewandter geschichtlicher Restbestand. Karl Barth setzt dem entgegen: Gott spricht in seiner Offenbarung ganz anders als wir das aus unserer menschlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit ableiten können. Er spricht in Jesus, dem Wort Gottes. Der entscheidende Umbruch kam, als Karl Barth 1914 feststellte, dass die Intellektuellen der Zeit ein öffentliches Bekenntnis zur Kriegspolitik Kaiser Wilhelms II. ablegten und dass sich darunter so ziemlich alle seiner bis dahin gläubig verehrten theologischen Lehrer befanden. Gott ist ganz anders, spricht ganz anders in Jesus Christus. Diese neue Art der Theologie war auch die, die am ehesten widerstandsfähig war gegen die nationalsozialistische Ideologisierung. Sie wurde prägend für viele Jahrzehnte und gerade in Deutschland rettete sie auch die Selbstachtung der Kirchen. Heute ist die Theologie Karl Barths nicht mehr so in. Zu autoritär, zu wenig einfühlsam und vermittelbar mit der tatsächlichen menschlichen Situation. Vielleicht ist es ja sogar so, dass auch religiöses Empfinden wieder zunimmt und die Menschen in sich religiöse Erfahrungen entdecken, zulassen und suchen. Sie gehen dabei viele verschiedene Wege. Der Maßstab, den Paulus mit seinem Hinweis auf den Gekreuzigten vorgibt, will dieses Suchen und Versuchen nicht madig machen oder bemäkeln, aber er warnt davor Gott auf die eine oder andere Weise in den Griff kriegen zu wollen. Das Kreuz ist und bleibt so sperrig und ärgerlich, dass es immer wieder erinnert: Gott ist ganz anders, Gott ist uns voraus, Gott steht uns bevor. Das gilt natürlich auch für das Kreuz selber, das ja nicht als totes Ding dastehen soll, nicht als Kreuzzugsstandarte vorangetragen werden soll, nicht Tornados und Panzer zieren soll - sondern auf den Gekreuzigten verweisen soll, auf Gott der sich ausliefert und aussetzt dieser Welt wie sie ist, dieser ganzen Welt bis in die letzte Ecke.
|
Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias
1. Korinther 1, 26-31 / Matthäus 3, 13-17 (Evangelium)
Matthäus 3, 13-17 13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen. 16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 1. Korinther 1, 26-31 26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. 27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; 28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, 29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme. 30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, 31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!« Liebe Gemeinde, I Nur keine falsche Bescheidenheit! Ein Weihnachtsspiel, so wie es überall sich abspielen könnte, in Paunsdorf oder Gohlis. Ein Weihnachtsspiel? Könnte jemand mosern, ein Weihnachtsspiel? ohne Maria und Josef?, ohne Kind?, ohne Engel? Das ist doch gar kein Weihnachtsspiel. Ist doch bloß eine Alltagsbegebenheit. Und ist doch ein Weihnachtsspiel, spielt an Weihnachten, wo alle Uhren anders gehen, spielt mitten im Leben unserer Welt, nicht in einer Art klingelnder Spieluhr, einer geschnitzten Idylle, in der sich alle Figuren genau nach Plan drehen. Ist ein Weihnachtsspiel vom Elend und von der Rettung. Das Spiel erzählt von einer Art, wie Menschen sich gedankenlos verletzen, diese Kinder in Berlin sind wirklich unsäglich ... - aber ich nehme den Mund lieber nicht zu voll, denke an meine eigenen Eltern, denke an die Art, wie ich gedankenlos fehle, wo ich nötig bin. Aber das Weihnachtsspiel erzählt auch von der Rettung, von der Wendung der Geschichte, von der Möglichkeit, dass Herr Engel zum Engel wird, dass wir Menschen uns Leben und Hoffnung bereiten können. Ich frage mich, ob die beiden sich immer wieder getroffen haben nach Weihnachten und ob das gut weitergegangen ist. Heute feiern wir das Epiphaniasfest vom 6. Januar, an dem eigentlich nicht die drei Könige gefeiert werden, sondern die drei Könige weisen darauf hin, dass Christus erschienen ist. Erscheinungsfest heißt das Fest, Gott erscheint mitten in der Welt, das Licht, das von Weihnachten ausgeht ist in der Welt. Das soll sich auch in unserem Leben zeigen, vielleicht entdecken wir es hin und wieder in unserem Leben wie in dieser Weihnachtsgeschichte. Aber, ich sage Ihnen, es ist manchmal nicht so leicht. II Ich sage noch einmal: Nur keine falsche Bescheidenheit! Und erinnere an die Lesung, die wir vor dem Spiel gehört haben. Nie und nimmer! Also nein, das kann ich doch nicht annehmen! Johannes der Täufer weist den Taufwunsch Jesu zurück. Aber Jesus besteht darauf von Johannes getauft zu werden, im gleichen trüben Flußwasser wie alle anderen. Johannes spürt - der ist größer als ich, dem kann ich nicht das Wasser reichen, der steht an Rang über mir - vor dem ziehe ich lieber den Kopf ein. So wie es überall im Leben ist, so wie man überall dieses Gespür braucht, wie die Rangordnung ist, wer höher steht und wer unten ist, und wen dieses Gespür verläßt, der holt sich blutige Nasen am laufenden Band. Ist doch so. Und Gott wird auch mit eingereiht in diese Hackordnung. Ist irgendwo ganz oben, vor dem sich alle Knie beugen. Oder? Jesus besteht auf der Taufe durch Johannes und die Geschichte macht klar, bei Gott ist das anders mit oben und unten. Er macht Johannes deutlich: Wenn du nicht zuläßt, dass Gottes Wirken durch dich geschieht, dann geschieht auch nichts. Wenn du den verachtest, der auf deine Hilfe und auf dein Können angewiesen ist und nur die groß und wichtig findest, vor denen du dich selber klein fühlst, dann wirst du an Gott vorbeigehen. Jesus ist erschienen, er ist in der Welt und will dass wir ihm dienen - aber nicht so, dass wir dabei klein, sondern so, dass wir dabei groß werden, weil Gott unsere Hilfe und unser Können braucht. III Nur keine falsche Bescheidenheit! Paulus weist seine Gemeinde in Korinth darauf hin, dass sie wohl nicht ausschließlich aus der Creme de la creme der Gesellschaft besteht. Die Arrivierten der Society haben mit der Gemeinde der Christen nichts am Hut, den Weisen, Mächtigen und Wohlgeborenen ist das nichts - so war das jedenfalls damals, obwohl man sicher auch Weise, Mächtige und Wohlgeborene in der Gemeinde gesehen hat. Aber das gros der Gemeinde - ich finde Paulus übertreibt: Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt - Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt - Das Geringe und Verachtete, das hat Gott erwählt. Das würde uns vielleicht ein wenig an unserem Stolz kratzen, wenn er das zu uns gesagt hätte. Und das hat es sicher auch damals gemacht, denn die Christen in Korinth waren gerade mitten in einem Streit, welche Größe unter ihnen die beste für das Wohl und das Image der Gemeinde wäre, und Paulus war dabei wahrscheinlich nicht die bedeutendste Größe. Menschliches Gerangel, wie es sich überall findet. Und menschliche Verletzlichkeit, auch bei Paulus, der ganz schön stichelt und an der Eitelkeit kratzt. Aber sein Punkt ist ganz wichtig: Vor Gott kann sich niemand rühmen. Es führt keine Weg über eine irdische Stufenleiter in den Himmel. Du kannst noch so hoch steigen - Gott erreichst du damit nicht. Du kannst noch so sehr Gutmensch sein - Gottes Blick auf dich wird damit nicht anders. Du kannst dir Gottes Güte einfach nicht erarbeiten und kannst sie auch nicht kaufen. Gott kannst du nur finden, wenn du dich von ihm lieben lässt, so wie du bist. Du bist mein Kind, mein lieber Sohn, meine liebe Tochter, sagt Gott in der Taufe, sagt Gott zu jedem Menschen, lebe als geliebtes, göttliches Kind. Das ist ein Trost für die, deren Leben so stimmig und klar aussieht und die sich doch der Torheit und Schwachheit und Verächtlichkeit unserer Existenz mitunter bewusst sind. Aber es kratzt auch und muß kratzen. Am Heiligabend in der Teekellerweihnachtsfeier, als ich nach dem Gottesdienst in meinem schwarzen Anzug mit am Tisch saß, sagte einer am Tisch zu mir: Weißt du, mal ehrlich, Glauben ist etwas euch, für euch, die ihr’s geschafft habt - für uns ist das nichts, wenn du jeden Tag ums Nötigste kämpfen mußt, dann hast du keinen Nerv für Glauben. Das kratzt und muß auch kratzen, es wäre komisch, wenn es so wäre, wenn der Glauben bloß eine Art Zuckerguß für die bürgerliche Gemütlichkeit wäre. Aber dazu kann er verkommen. Aber das, sagt Paulus, will Gott zunichte machen, indem er gerade das Törichte, Geringe, Verachtete erwählt und sich in die Tiefen der Welt begibt, sogar in den Tiefen der Welt stirbt, als ein verurteilter Verbrecher - und doch in Wirklichkeit Gottes Kind und der Anfang neuen Lebens. IV Nur keine falsche Bescheidenheit! Das Epiphaniasfest und das Weihnachtsfest spricht riesengroß von den Menschen. Gott kommt in unsere Welt. Gott wird in uns geboren, damit wir göttlich werden. Er macht uns klar: Wir sind Gotteskinder, alle miteinander, von seinem Geblüt, von seiner Art, mit uns geht das Leben Gottes weiter. Und er bringt dieses Leben zustande, wie Gott das eben macht: aus dem Nichts. Dort, wo nichts vorzuweisen ist, fängt Gott an, dort wo gar keine Heiligkeit festzustellen ist, kommt Gott zur Welt, da wo Gottlosigkeit am Tage ist, liebt Gott mich trotzdem als sein Kind. Kann uns das nicht alle trösten und groß machen? Du bist nicht nichts, sondern Gottes Kind, du kannst nicht nur Mist bauen, sondern Gottes Leben weitergeben, die Rettung sein, ein Engel in der Not oder einfach ein von Gott geliebter Mensch. Du mußt dich nicht zu ihm emporbuckeln, er steht dir schon gegenüber und sieht dich und alles, was in dir steckt und hofft, dass es zum Vorschein kommt. Zu Weihnachten und immer wieder, in Korinth und in Paunsdorf, Gohlis und überall. Und der Friede Gottes .....
|
Predigt am Ewigkeitssonntag
Kantate "Wachet! Betet! Betet! Wachet! (BWV 70) Matthäus 26, 38-41; Epheser 6, 10.18-20
Matthäus 26 38 Da sprach Jesus in Gethsemane zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! 39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst! 40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? 41 WACHET UND BETET, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Epheser 6 10 Zuletzt: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. ... 18 BETET allezeit mit Bitten und Flehen im Geist UND WACHT dazu mit aller Beharrlichkeit im Gebet für alle Heiligen 19 und für mich, dass mir das Wort gegeben werde, wenn ich meinen Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums zu verkündigen, 20 dessen Bote ich bin in Ketten, dass ich mit Freimut davon rede, wie ich es muss. Liebe Gemeinde, “Die Zeit ist aus den Fugen. Schmach und Gram, dass ich zur Welt sie einzurichten kam.” Dieser Satz aus dem Hamlet beeindruckt mich seit langem. Die Zeit ist aus den Fugen - der selbstverständliche Fluss der Vergangenheit ist in der Gegenwart verronnen - und wie soll daraus Zukunft werden? Und während der Prinz von Dänemark auf der Bühne noch sucht und ringt, steuert die Tragödie schon ihrem tragischen und blutigen Ende entgegen. So ist das bei Shakespeare. Dramatische Dimensionen haben auch die Texte, denen wir heute im Wort und in der Musik begegnen. Sie gehören in die Zeit am Ende des Kirchenjahres und an der Grenze des Lebens. Wachet! Betet! Betet! Wachet! Es ist als strebe die Geschichte der Welt unaufhaltsam auf ihren dramtischen Höhepunkt und auf ihr Ende zu, als stehe der jüngste Tag und Jesu Kommen zum Gericht unmittelbar bevor. Und noch ist offen, ob die Geschichte einem tragischen, verheerenden Ende, oder einer Befreiung entgegengeht. Beides ist noch möglich. Fremde Texte kommen uns entgegen, ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht. Fremde Texte sowohl in der barocken Abgründigkeit der Kantate als auch in der apokalyptischen Endzeiterwartung der biblischen Botschaft. Und doch liegt die Erfahrung der Zeit aus den Fugen mitten in unseren Tagen bereit. Manche von Ihnen haben heute vielleicht noch einmal die Abgründigkeit und Ratlosigkeit vor Augen, die der Tod in Ihr Herz und Ihr Leben gebracht hat. Wie soll aus dem Abbruch der Vergangenheit eine Zukunft werden, wie soll die Gegenwart bestanden werden? Fremde Texte kommen uns entgegen, aus der eigenen Erfahrung, aus dem Barock, aus der Bibel. Aber so fremd sie sind, merkwürdigerweise haben Endzeitdramen auch Konjunktur in unserer Zeit, im Kino, im Roman. Dramatisch und atemberaubend oft, aber meist nicht unaufhaltsam tragisch wie auf der Bühne, meist ist da noch einer oder eine, die das Schlimmste verhindert, inmitten der Katastrophe die Kraft, die Courage, die Charakterstärke hat, um die Welt zu retten. Woher kommt die Kraft, der Lebensmut, die Festigkeit um entschlossen in die Zukunft zu gehen? II Wachet! Betet! Betet! Wachet! Wann kommt der Tag, an dem wir ziehen aus dem Ägypten dieser Welt? Interessanterweise führt der Weg in die Freiheit in den biblischen Texten nicht hinaus aus dieser Welt, sondern hinein. Beiden, Jesus und Paulus geht es in ihrem Ringen um Freiheit inmitten, nicht jenseits ihrer irdischen Gefangenschaft. Das Thema ist Annahme eines ganz persönlichen Weges. Jesus, der im Garten Gethsemane vielleicht von seiner menschlichsten Seite gezeigt wird, in seiner Angst, in seinem Flehen um Hilfe von seinen Freunden und von Gott und der sich durchringen kann, gegen die Verzweiflung und Resignation seinen Weg anzunehmen und zu gehen. Paulus, der in zweifelhafter Situation um Anerkennung und Unterstützung wirbt: er ist selbst gefangen und doch fühlt sich doch frei. Geht das überhaupt, im Gefängnis von Freiheit reden? Sind das nicht leere Worte? Spricht nicht alles dagegen? Auch Paulus weiß um die Ambivalenz und Zweideutigkeit seiner Situation, bittet um Unterstützung und wagt dennoch, seinen Weg anzunehmen und zu verteidigen. Das ist ein riskanter Weg in unserem Leben, der Weg zur Freiheit inmitten von Gefangenschaft. Die eigene Verletztheit und Verletzbarkeit erkennen zu lassen, den Schmerz und Zweifel auch nach außen dringen zu lassen, zur Besonderheit des eigenen Weges und der eigenen Gefühle zu stehen und dabei aufrecht und ohne Scheu zu gehen. Das ist schwer in einer Welt, in der man sich am liebsten hinter einer makellosen und unangreifbaren Fassade zeigt, in der man am liebsten niemandem zur Last fällt. Aber der Weg in die Freiheit geht nicht an der Annahme der eigenen unmöglichen und sperrigen Einmaligkeit vorbei. Der Weg ins Leben ist ein Weg durch Schmerzen ins Licht. Wachet! Betet! Heißt wie Jesus und Paulus diesem schwierigen Weg zugewandt bleiben und sich der Hilfe zu versichern, die nötig ist. III Verheißung und Gericht liegen oft sehr dicht beieinander. Erschrecket, ihr verstockten Sünder und Freu dich sehr o meine Seele. Der doppelte Ausgang des Gerichts verspricht und droht durch die Kantate. Und wiederum liegt er auch in unserem Leben. Der Paulus, der hier aus dem Gefängnis von der Freiheit schreibt, ist auch der Saulus, der selber gefangen setzte, ist der, der um Anerkennung ringen und kämpfen muß. Die Jünger, auf die Jesus sich verläßt und denen er seine Sache anvertraut, begleiten ihn und versagen, schlafen ein. Wen träfe nicht die Ratlosigkeit seiner Frage: Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen? Es kann wie die Erfahrung des Jüngsten Gerichts sein, wenn wir uns selber eingestehen müssen, dass wir gefehlt haben, wo wir hätten sein müssen, dass wir das scheinbar Einfachste versäumt haben. Vielleicht nicht in bewusster Haltung, vielleicht hat sich die Müdigkeit einfach eingeschlichen. Wo Menschen miteinander leben bleiben immer Dinge offen, bleiben Worte unausgesprochen, Fragen ungeklärt. Menschen versagen auch und tun einander weh - und sie bereuen es und spüren selbst den Schmerz und das Gericht, das darin liegt. Wie können die Jünger nur? Die Frage bleibt im Raum. Aber zugleich gibt uns der biblische Text die menschliche Antwort: So ist das. Das geschah. Die engsten Freunde Jesu. Die Mitarbeiter Gottes. Sie waren so wenig Übermenschen und Heroen wie wir, sondern Personen mit Fehlern und Schwächen, mit Ecken und Kanten und doch Menschen, die Gott in seinem Dienst gebraucht und bejaht. Denen Gott vertraut und eine Zukunft eröffnet. IV Am Ende der Gethsemane-Geschichte mit den schlafenden Jüngern steht Jesus also allein und das ist eine bewußte Aussage der Evangelisten. Auch für Paulus gilt in allem leidenschaftlichen Ringen: Christus ist mein Leben. Und am Ende der Kantate wird es heißen: Nicht nach Welt / nach Himmel nicht - Jesum wünsch ich und sein Licht. In aller Suche nach Weg und Freiheit, wir können sie uns doch nicht selbst nehmen. Das Leben, das Vertrauen, die Kraft, der Mut sind ein Geschenk, sind wie Energie, die wir aufnehmen und weitergeben können. Jesus steht mit seinem Leben, Sterben und Auferstehen für diese Gabe des Lebens. Er hat gelebt, indem er ausgeteilt hat, Lebensmut, Anerkennung, Erkenntnis - hat er weitergegeben und ausgeteilt. Wir kennen unsere eigene Angst und wissen wie ängstlich wir oft unser Leben zusammenhalten wollen. Und wissen doch auch, wie wir beim Abschied, am Grab gemerkt haben, was von einem Menschen bleibt, ist vor allem, was ein Mensch gegeben hat und wie ein Mensch geliebt hat. Jesus ist seinen Weg gegangen, um uns Raum zu schaffen, um Versöhnung zu schaffen und Leben zu schenken, das in der Welt weiterwirkt. Das ist die Gabe und die Energie ins Leben, die uns im Abendmahl zugespielt wird: Jesus gibt sein Leben für uns, dass wir versöhnt und frei, freigebig leben können.
|
Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres
Predigttext: Exodus 13, 17-22
17 Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war; denn Gott dachte, es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könn- ten wieder nach Ägypten umkehren. 18 Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum Schilfmeer. Und Israel zog wohlgeordnet aus Ägyptenland. 19 Und Mose nahm mit sich die Gebeine Josefs; denn dieser hatte den Söhnen Israels einen Eid abgenommen und gesprochen: Gott wird sich gewiss euer annehmen; dann führt meine Gebeine von hier mit euch fort. 20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. Liebe Gemeinde, “Moderne Nomaden” leben unter uns. Vielleicht denken wir bei Nomaden zuerst an Beduinen in Nordafrika oder an Menschen in der Mongolei. Aber es gibt auch “moderne Nomaden” unter uns. Die Welt ist kleiner geworden, die Menschen sind unterwegs im Land und um den Globus. Mobilität ist angesagt. Und keineswegs nur im Urlaub. Auch im Alltag. Der Arbeit nach, den Eltern nach, den Kindern nach, unterwegs im Land ... nach Leipzig, um hier zu bleiben: aber wie lange? Manche stöhnen darüber, so oft unterwegs, andere leben gut damit und noch andere sagen nach langen Jahren in der DDR: Mobilität ist möglich - Gott sei Dank! In den letzten vier Monaten sind knapp 200 Personen in unsere Gemeinde neu dazugekommen - und vermutlich ebenso viele in andere Teile unseres Landes oder der Welt aufgebrochen. Darum feiern wir heute diesen Willkommensgottesdienst: um Sie willkommen zu heißen und uns etwas Eingesessene oder Alt-Eingesessene damit vertraut zu machen: wir bleiben in Bewegung. Und es ist so: Das Gesicht unserer Gemeinde hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert durch Menschen, die neu dazu gekommen sind. Das ist ein Segen für die Gemeinde und für das Leben in unserem Stadtteil. Wir wären z.B. als vereinigte Gemeinde niemals so weit gekommen im Prozeß unseres Zusammenwachsens, wenn es nicht so viele Menschen gegeben hätte, die neu dazugekommen sind. Wir sind selber unterwegs und bleiben es in gewissem Sinne unser Leben lang - ob wir an einer Stelle feste Wurzeln schlagen können oder nicht. Die bilblische Geschichte ist eine Geschichte des Aufbruchs in die Freiheit, der nicht nur in der dunklen Vergangenheit, sondern immer wieder geschieht. Jesus und seiner Jünger waren unterwegs, Paulus reiste durch die halbe Welt. Ein wanderndes Gottesvolk ist das Volk Israel gewesen und geblieben und die christliche Kirche auf ihre Weise auch. Und wie fest sie sich auch eingerichtet hat in der Geschichte und wie tief auch die Wurzeln sind, die sie am Ort und in der Kultur geschlagen hat: sie bleibt unterwegs und darauf liegt eine Verheißung und ein Segen. Ich möchte das Schriftwort, das wir gehört haben, unter drei Gesichtspunkten auslegen. I Wir sind auf ein Ziel hin unterwegs II Wir sind gemeinsam unterwegs als unterschiedliche Menschen III Gott geht mit I Wir sind auf ein Ziel hin unterwegs Natürlich will jeder irgendwann ankommen, Kisten auspacken, Dinge wiederfinden, da sein. Und auch in der Bibel ist das Thema des Aufbruchs und Unterwegsseins immer im Gegenüber zu sehen zu den Verlockungen der Sesshaftigkeit aber auch zu den Verheißungen vom guten Leben in Frieden und Wohlstand. Das Volk Israel ist unterwegs in ein Land, wo Milch und Honig fließen. Das besondere ist: es war offensichtlich schwer, dieses Land und den geraden Weg dahin auf der Karte zu lokalisieren. Wo genau geht es ins gelobte Land? Und die Gefahr, sich vorzeitig zufrieden zu geben, wenn der Weg zu beschwerlich wird, scheint auch in unserem Schriftabschnitt durch. Und doch ist es gerade das Ziel des Gelobten Landes, das die Menschen durch die Wüstenzeit voranbringt. Für uns Christinnen und Christen ist mit dem Thema Jesu, dass unser Lebensweg auf das Reich Gottes zugeht ein ähnliches Ziel angegeben. Es ist schwer die Koordinaten anzugeben, sie müssen immer neu bestimmt werden. Aber es wäre schade, vielleicht sogar gefährlich, sich eher zufriedenzugeben. Für uns als Gemeinde heißt das, Aufmerksamkeit einzuüben auf die Weisen, wie Gott unter uns wirkt und da ist. Es heißt aber auch, dass wir unseren Auftrag darin haben, mit anderen Menschen gemeinsam nach der helfenden und verändernden Nähe Gottes in unserem Leben, in unserer Stadt und in unserer Welt zu suchen. II Wir sind gemeinsam unterwegs als verschiedene Menschen Das Schriftwort aus dem Alten Testament macht uns deutlich: wir Christen haben einen großen Teil unserer Theologie vom Volk Israel geerbt und sind gemeinsam mit den Juden unterwegs durch die Geschichte. Der Blick nach links und rechts macht uns deutlich: wir sind eine bunte Familie Gottes, keine uniformierte Truppe. Das wandernde Gottesvolk, die Gemeinde Gottes auf dem Weg zum verheißenen Ziel ist auch geprägt durch Vielfalt und Verschiedenheit. Das sagt sich oft leicht und wir erfahren alle, dass der Druck zur Anpassung in vielen Bereichen größer ist als die Bereitschaft zur differenzierten und vielfältigen Wahrnehmung. Andere sind anders - das ist leicht gesagt, aber nicht immer leicht gelebt. In der DDR waren die Kirchen Zufluchtsort für Andersdenkende und Anderslebende - aber oft begleitet von gemischten Gefühlen und Sympathien. Aber vielleicht waren es gerade die anderen, die den alteingesessenen einen wichtigen Dienst zu leisten hatten. Was uns aus der biblischen Geschichte vom Aufbruch immer wieder wichtig werden soll: was uns verbindet, ist nicht unsere äußere Ähnlichkeit und vielleicht auch nicht unsere übereinstimmende Meinung, sondern die innere Erfahrung, von Gott in die Freiheit gerufen zu sein. In diesem Geist der Freiheit kann eine Gemeinschaft der versöhnten Verschiedenheit entstehen. Dass das immer wieder eine Aufgabe ist und nicht immer gelingt, in der Gemeinde, mit anderen Christen und Kirchen, mit Nichtchristen, das ist klar, wir sind unterwegs. III. Gott geht mit Der wichtigste Zuspruch aus dem biblischen Text ist dennoch: Gott geht mit, er geht den Weg voran, selbst auf den Umwegen des Lebens und in den Wüstenzeiten. Seine Zeichen sind imposant - Wolkensäule und Feuersäule - aber auch interpretationsbedürftig und glaubensbedürftig: war es nur ein Gewitter und ein Vulkan? Wir haben in einer Stadt, in der nur ein kleiner Teil der Menschen sich für religiös hält, damit zu tun, zu erklären, was das heißt: ich verlasse mich auf Gott in meinem Leben. Immer wieder sind wir konfrontiert mit starren, fremden Gottesbildern, von einem strengen Gesetzgeber und Kontrolleur. Dass Gott mitgeht auf dem Weg in die Freiheit, die wir suchen, die er anbietet, ist eine neue Entdeckung, die wir immer wieder machen dürfen. Wohl fordert Gott uns auch heraus, zu unterscheiden, was wirklich Freiheit ist und was diesen Namen weniger verdient. Wohl sagt das Wort Gottes nicht einfach Ja und Amen zu jeder Idee, die den Menschen im Volk Gottes kommt. Und doch ist die Erfahrung des Volkes unterwegs: Gott ist mit uns auf dem Weg. Er wohnt nicht an festen Orten, sondern ist uns nahe, wo wir sind. Er gibt unserem Leben Grund und Zukunft, Halt und Antrieb. Es ist unser Wunsch als Gemeinde, mit Gott auf diesem Weg zu bleiben und ein wenig von dieser Erfahrung Gottes weiterzugeben, indem wir bei den Menschen sind, die uns brauchen. Wir hinken manchmal hinterher und manchmal sind wir gar nicht da. Aber Gottes Wort macht uns Mut, immer wieder aufzubrechen., in der Gemeinschaft der bunten und vielfältigen Familie Gottes, mit Eingesessenen und Neuen, Jungen und Alten, auf dem Weg zu dem Ziel des Reiches Gottes, das uns immer voraus bleibt.
|
Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis
Predigttext: Philipper 3, 17. 20-21
17 Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt. 20 Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, 21 der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann. Liebe Gemeinde, In der letzten Woche, am vergangenen Montag, ist Rosa Parks gestorben. Sie wurde 92 Jahre alt. Vor 50 Jahren, am 1. Dezember 1955 hatte sie es einfach satt gehabt, einen langen Tag Arbeit hinter sich. Sie war nicht aufgestanden im Bus von Montgomery, Alabama, um einem Weißen Platz zu machen. Sie wurde verhaftet und eingesperrt dafür. Das war der Anstoß für einen langen Weg der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Rosa Parks hatte es satt gehabt - aber sie war nicht nur müde und geschwächt, sie war auch zornig und entschlossen, die Demütigung nicht länger hinzunehmen. Sie ist an diesem Tag nicht zum ersten Mal aus dem Bus geflogen, sie war eine politisch bewußte und organisierte Frau, sie wußte, was sie tat und was sie provozierte. Sie war sich der Stärke bewusst, die in ihr steckt, sie staunte über die Stärke ihrer Eltern und Großeltern, die unter unsäglichen Diskriminierungen im Süden der USA dennoch als stolze und aufrechte Menschen lebten. Sie selbst sagte von sich, dass ihre Kraft aus ihrem festen Glauben kam. Und das Projekt, für das sie bis ins hohe Alter ihren Namen gegeben hat, Pathway Finders - Pfandfinder, versucht junge Menschen mit den Gleisen der “Untergrundeisenbahn”, dem Weg der schwarzen Sklaven in die Freiheit vertraut zu machen. “Swing low, sweet chariot, coming for to carry me home” ist eines der Spirituals, die vom Weg in die Freiheit und vom Weg in den Himmel in gleicher Weise und in einem erzählt haben. Von der Sehnsucht nach der Heimat oder besser dem Land, wo die Betreffenden frei, geachtet und im Recht sind. “Wir haben unser Bürgerrecht im Himmel” übersetzt Martin Luther die Worte des Apostels Paulus. Man kann auch sagen: “Unser Staat ist im Himmel.” Das ist viel mehr als ein frommes Wort, das ist ein Wort mit einer kräftigen politischen Dimension und der Frage: Wer hat Macht über wen? Stellen Sie sich vor! Paulus schreibt diesen Brief an die Philipper aus dem Gefängnis. Er sitzt in Cäsarea und wartet auf seinen Prozeß. Von dort schreibt er an die Gemeinde in Philippi, in Makedonien, die er gegründet hat und die ihm besonders am Herzen zu liegen scheint. Paulus sitzt im Gefängnis und ist in der Lage Briefe zu schreiben, denn er ist rämischer Bürger, er genießt den Schutz des rämischen Rechts und er ist sich dessen bewusst. Und doch schreibt er aus dem Gefängnis: “Leute, ahmt meinen Weg nach, folgt meinem Vorbild, unser Gemeinwesen ist im Himmel.” Brisant, oder? Wie hätten Sie diese Worte aufgenommen? Oder woran erinnern Sie diese Worte heute? Sind das gefährliche Worte? Das Faszinierende an der Bürgerrechtsbewegung, die mit zivilem Ungehorsam begann, ist die Stärke und die Macht, die in den bloßen, unbewaffneten, aber entschlossenen Menschen steckt. Sicher ist diese Stärke organisiert - aber sie hat kein anderes Geheimnis als die Sehnsucht der Menschen nach einem Land, in dem sie frei, geachtet und im Recht sind. Ich erinnere mich an die Zeit vor 15 Jahren, als manche den Eindruck hatten, wir könnten die Welt neu erfinden und alles neu und besser gestalten. Es war eine Illusion - aber ich behaupte: die Erfahrung der Macht war echt. Es geht, wenn es soll und es geht wieder. Nun ist Macht kein Thema, über das oft gesprochen wird. Es sei denn, über Politiker, die nach der Macht streben oder an der Macht kleben. Aber was ist das: Macht? Etwas Herrliches sagen die einen, etwas Schreckliches die anderen. Die Macht und die Mächtigen bestimmen, was in meinem Leben geht und nicht geht, da bin ich machtlos, sagen die meisten. Paul Tillich, ein vormals bekannter Theologe meinte: Macht bedeutet, aus einer Mitte heraus, aus einem Zentrum zu leben. Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Fähigkeit haben, zentriert zu leben, durch die Sprache, durch den Geist einen Großteil der Welt und des Lebens auf ein Zentrum hin zu ordnen. In dieser Fähigkeit liegt Macht und jeder Mensch hat Macht. Mahatma Gandhi war der Meinung, dass die es keine stärkere Kraft gibt als den Menschen, der in seinem Inneren mit dem geistigen Grund des Lebens verbunden ist. Das ist die Grundlage der Haltung, die er satyagraha nannte und die er als wesentlich betrachtete, um Veränderung im damaligen Indien herbeizuführen. Allerdings war Gandhi und später auch Martin Luther King überzeugt, dass der Versuch Macht mit Gewalt Ausdruck und Durchsetzung zu verleihen, das Ende der Stärke ist. Und vielleicht ist das auch tatsächlich wahr. Vielleicht ist Gewalt wirklich das Eingeständnis der Machtlosigkeit. Es ist die Unfähigkeit, den Dingen eine lebensfördernde Wendung zu geben. Was hat das aber mit dem Predigttext, mit der Taufe von Margarete und Louisa und mit uns zu tun? Schon die Theorie, die hier vorgetragen wurde, ist vielleicht äußerst diskussionswürdig und lückenhaft, aber wo berührt uns das wirklich im Leben? Ihr erlebt die Macht eines neuen Lebens in euren Familien ganz hautnah. So winzig und zerbrechlich und ausgeliefert ist so ein kleines Mädchen und doch in seinem Dasein in der Lage, Euer Leben auf den Kopf zu stellen, Neues hervorzubringen. Auf einmal gibt es eine große Schwester, auf einmal gibt es Großeltern. “Hallo, ich bin da und ihr werdet mich nicht ignorieren!” Ihr überlegt euch vielleicht, wie man das macht, ein fröhliches und aufrichtiges Mädchen zu erziehen und sicher habt ihr genau die richtigen Gedanken. Ein Wort, das sie schnell lernen werden und das euch manchmal ziemlich auf den Wecker gehen wird ist dabei wichtig: Nein. Das müßt ihr durchhalten an den richtigen Stellen, aber auch eure Töchter lehren: Nein zu sagen gegen Inbesitznahme. Natürlich hört man nie auf zu überlegen: Was leben wir eigentlich vor? Sind wir nachahmenswerte Vorbilder? Wofür stehen wir? Es ist wichtig, sich im eigenen Leben immer wieder zu entscheiden für das Leben, gegen die Angst, gegen die Bequemlichkeit. Und wenn es dran ist auch nachzufragen und weiterzufragen, Veränderung zu wagen. (Bitte höre niemand ohne weiteres daraus die Aufforderung den Partner zu wechseln. Das scheint heute manchmal das Naheliegendste zu sein.) Einen nachhaltigen Lebensstil zu suchen, der auch den Kindern noch genug Raum zum Mitleben und zur Auseinandersetzung gibt. Nur eine Bemerkung am Rande: Bei allen Klagen darüber, dass die Nationalstaaten die Steuerungsmacht über die globalisierte Ökonomie mehr und mehr einbüßen, ist die Erkenntnis auch wichtig: die Macht, Einfluß auszuüben liegt an vielen Stellen bei den Konsumenten. Wichtig im Lande ist Beteiligung auf allen Ebenen, aber besonders auch: auf die zu achten die nicht frei, geachtet und im Recht sind. Vielleicht haben wir keinen Grund mit unserem weinroten Paß, der uns alle Türen öffnet und uns ein hohes Maß an Schutz verspricht, eine anderes Bürgerrecht zu begehren. Aber es sind viele, die dieses Privileg nicht haben und dennoch leben sollen. Vielleicht sind sogar etliche darunter, die ihre eigentliche Heimat im Himmel haben - gefährliche Worte, wie die von Paulus - aber ihr Himmel - kann das ein anderer sein als unser Himmel? Ihr Leben ist das nicht auch unser Leben? Das Entscheidende, die entscheidende Hoffnung für Paulus: die verwandelnde Kraft, die aus dem Glauben und aus einer authentischen Erfahrung der Macht kommt. Aus einer Gefängniszelle wird die Bühne des Lebens, auf der Paulus einlädt, seine Rolle nachzuspielen. Aus Negativität und Bedrohung wird die Stärke des Weges in ein Land, in dem ich frei, geachtet und im Recht bin. Hier liegt die Kraft des Glaubens, die Paulus seine Stärke gibt: der Blick auf Jesus Christus, der gefoltert und getötet doch nicht besiegt wurde, sondern der Auferstandene ist. Und Paulus spricht von der Hoffnung ihm gleich zu werden, “nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.” Das ist die Kraft und die Macht Gottes, die auch aus dem Bösesten Gutes machen kann, die aus dem Nichts Leben hervorruft. Dieser Kraft, diesem Geist, dieser Mitte des Lebens befehlen wir diese beiden Menschen in der Taufe an, damit sie auf dem Weg ihres Lebens aufrecht und im Bewusstsein ihrer Stärke leben.
|
Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis
Predigttext: Jesaja 2, 1-5:
1 Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: 2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 4 Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN! Liebe Gemeinde, Was ist aus der Faszinationskraft utopischen Denkens geworden? So beginnt Gerhard Schulze, ein angesehener Soziologe unserer Tage, sein Buch “Die Beste aller Welten - Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert?” Utopien, schreibt er, seien es nicht, die unserer Kultur die Richtung weisen. “Utopische Gesellschaftsentwürfe erscheinen den nachwachsenden Generationen so altbacken wie ein Kirchenlied.” Gilt dies auch für unser Schriftwort? Für die einst leuchtende Vision “Schwerter zu Pflugscharen” - altbacken wie ein Kirchenlied? Sie erinnern sich: Vor dem Hauptgebäude der UNO in New York schmiedet seit 1948 ein in Stahl gegossener muskulöser Werktätiger ein Schwert zur Pflugschar. Im Sockel des riesenhaften Monumentes ein Hinweis auf die Bibel. Ausgerechnet die atheistische Sowjetunion hatte auf diese Weise ein Stück Bibel Gestalt werden lassen in der Hoffnung der Überwindung von Krieg und Gewalt nach dem Großen Vaterländischen Krieg - den christlichen Völkern Amerikas und Europas zur Mahnung. Die meisten Kinder in der DDR kannten es, denn sein Bild prangte im Geschenkband zur Jugendweihe und dokumentierte den propagandawirksamen Friedenswillen des Großen Bruders. Auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte 1981 kam die Idee aus der Dresdner Studierendengemeinde, dieses Monument mit dem Motto “Schwerter zu Pflugscharen“ auf Vliesaufnäher drucken zu lassen, die in großer Zahl auf Kuttenärmel genäht wurden und wegen der nervösen Reaktion des Staates bald zum Erkennungszeichen einer nichtangepaßten Friedensbewegung wurden. - Und heute? Gerhard Schulze, der Soziologe, beschreibt wenige Seiten von der Feststellung des Endes der Utopie die neue Herausforderung an nachutopisches Denken so: Es sei, als schwebten wir in einem Raumschiff, die Erde hinter uns lassend - so ähnlich beginnen die klassischen Utopien der Neuzeit - aber das Raumschiff kommt nirgends an, es hat kein Ziel, es ist selbst der Ort, an dem das Miteinanderleben von Grund auf neu erfunden werden muß. Ist das die Situation, in der wir leben, ein zielloses und maßstabloses Treiben, auf dem Weg durch eine unendliche Weite des Alls der Zukunft? Das Schriftwort spricht vom Mut zur Verwandlung der Realität. Die Welt, wie sie ist, wird nicht hingenommen. Jesja spricht von einem Hinzulaufen der Völker nach Jerusalem zum Tempel und zur Stadt Gottes. Die Vorstellung, dass sich die Völker auf Jerusalem zubewegen hat Jesaja nicht erfunden - von einem Ansturm der übermächtigen Völker auf Jerusalem ist in den Psalmen die Rede, mit Schwertern und geballter Kraft, um es zu zerstören und zu vernichten. Das kleine Volk Israel lebte in dem Bewusstsein, jederzeit überrannt werden zu können von den dominierenden Völkern und Kulturen, die die Vorherrschaft im Orient voneinander übernahmen. Sie stellten der Macht der Gewalt an manchen Stellen das Bild eines noch gewaltigeren und noch stärkeren Gottes entgegen “der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt” wie es in Psalm 46 heißt. Jesaja und Micha gehen aber noch viel weiter. In ihrem Mut zur Verwandlung beschreiben sie die Kraft Gottes als eine andere Macht, eine gewaltlose Macht: die Lust zu leben ist stärker als die Macht der Gewalt. Nicht mit Waffengewalt, sondern auf der Suche nach der Quelle des Lebens kommen die Völker nach Jerusalem. Nicht um alle gleich zu werden, sondern um das Leben zu finden, das nicht für wenige, sondern für alle da ist. Der Mut zum Widerspruch zur Realität, den der Prophet aufbringt, verwandelt das Bild der Welt und zeigt eine Welt wie sie sein soll, er zeigt Shalom: Leben in Frieden. Jesajas Vision bringt auch definierte Glaubensvorstellungen in Bewegung. Die Rede ist vom Zion, so heißt der Berg, auf dem der Tempel errichtet war, Zion kann auch gleichbedeutend mit Jerusalem sein. Wir denken an Zionismus, an die Sehnsucht der über alle Welt verstreuten Juden nach dem eigenen Land im 20. Jahrhundert oder auch an einen engen Nationalismus. Aber es steckt mehr darin: der Zion ist älter als Israel, die Stadt am Berg waren lange besiedelt, bevor David sie eroberte und sie war auch ein Ort kultischer Hoffnung: die Stadt Gottes, der Berg Gottes, der Fluss Gottes waren kanaanäische und allgemeinorientalische Hoffnungsbilder, die lange vor Davids Eroberung existierten. Sie wuchsen zusammen mit den Glaubensvorstellungen der Israeliten und lebten trotz aller antikanaanäischen Polemik in den biblischen Schriften im Herzen der eigenen Überlieferung fort. In Jesajas Vision ist es als bräche diese Erinnerung wieder auf: Nicht exklusiv und abgrenzend ist die Wahrheit Gottes, sondern inklusiv und umfassend, nicht entweder - oder, sondern sowohl - als auch. Seine Vision bringt den Glauben so zur Sprache, dass er offene Tore hat für andere und ihre Suche. Sie atmet nicht den Geist der waffenstarrenden Angst um die eigene Identität, sondern das Vertrauen und die Hoffnung, dass die Suche nach Leben letztlich alle Menschen verbindet. Aber Jesaja tut dies nicht, indem er seinen eigenen Glauben aufgibt oder verwässert, das denke ich nicht. Er sieht ihn im Geist Gottes neu. Er bleibt beim Zentrum seiner Hoffnung, dem Tempel, der Tora, dem einen Gott Israels, aber als Glaubender kann er seinen Glauben so formulieren, dass er andere einbezieht, statt sie auszugrenzen. Das kommt auch in dem Bild zum Ausdruck: Beim Umschmieden eines Schwertes zu einer Pflugschar kommt es nicht darauf an, die Spitze abzubrechen, oder dem Metall die Härte zu nehmen. Es ist nicht die Aufgabe des Schmiedes, das Gerät stumpf zu machen, das kann jedes Kind, sondern aus einem Werkzeug das Leben abschneidet, soll ein Gerät werden, das den Boden aufbricht, damit neues Leben wachsen und genährt werden kann. Die Geschichte des gewaltfreien Widerstandes zeigt, dass der Verzicht auf Gewalt nicht Machtlosigkeit oder Schwäche meint, sondern gerade Bewusstsein der Kraft, die aus dem Leben selbst kommt, das uns alle verbindet, auch wenn wir unser Vertrauen auf irdische Mittel des Lebens und der Macht setzen. Gandhi war überzeugt, dass der Mensch, der in seiner Seele mit der göttlichen Kraft des Lebens verbunden ist, von keiner irdischen Macht auch nicht mit Gewalt überwunden werden kann. Dass die Gewalttätigkeit unserer Welt diese Erfahrung immer wieder verdeckt - ist dies ein Grund, dieser Erfahrung, die wir auch in Leipzig gemacht haben, zu mißtrauen, sie zu den Akten zu legen? Dass die Kriege nicht aufgehört haben mit dem Ende des Kalten Krieges, ist dies ein Grund die Vision vom “Gerechten Frieden” zu vergessen und lieber “Gerechte Kriege” zu führen? Die biblische und manchmal störende Einsicht, dass wir in einer Welt unter der Macht der Sünde leben, gibt die Doppelgesichtigkeit unserer Wirklichkeit wieder. Sie kritisiert auch utopisches Denken, das vereinheitlichend und zwanghaft wird. Aber sie bedeutet nicht das Ende der Utopie. Nirgends redet die Bibel einem Dahintreiben des Lebens wie es nun einmal ist das Wort. Sondern spricht von der Verwandlung, Versöhnung und Hoffnung auf volles und bleibendes Leben. Ich möchte nicht in einer Welt ohne Utopie leben, ich glaube nicht, dass es so eine Welt gibt. Ich empfinde, dass unsere Zeit Luft holt, um endlich den Mut aufzubringen, Veränderung zu mehr Gerechtigkeit und einem Leben mit weniger Angst auf dieser Welt zu beginnen. Vielleicht bin ich völlig verdreht. Aber für mich ist der Tisch des Abendmahls immer noch die störende und zugleich stärkende Vision von dem Tisch in der Welt Gottes, an den alle eingeladen sind, an dem die Unterschiede des irdischen Lebens uns nicht trennen, weil wir uns besinnen auf das, was uns wirklich Kraft und Anteil am Leben gibt.
|
Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis
Predigttext: Apostelgeschichte 8, 26-39
(26) Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. (27) Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. (28) Nun zog er wieder heim und sass auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. (29) Der Geist des Herrn aber sprach zu Philippus: “Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!” (30) Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: “Verstehst du auch, was du liest?” (31) Er aber sprach: “Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?” Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. (32) Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53, 7-8): “Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. (33) In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.” (34) Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: “Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?” (35) Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. (36) Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: “Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?” (38) Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. (39) Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich. Liebe Gemeinde, in manchen Weltgegenden kann es einem passieren: Sowie man eine Landkarte aufschlägt, weil man sich über den rechten Weg informieren will, tritt jemand herzu, fragt, wohin man möchte und bietet Hilfe an, damit man den Weg findet. Mich hat das immer beeindruckt, auch wenn ich meistens überzeugt war, meinen Weg selber mit der Landkarte zu finden. Aber wenn es um den Weg unseres Lebens geht, dann sind die Landkarten oft ungenau. Dann sind wir darauf angewiesen, dass andere uns fragen: “Verstehst Du auch, was du da liest?” und die mit uns gemeinsam nachdenken und ein Stück mit uns mitgehen. So wie es von Philippus in dem gehörten Predigttext heißt. Allerdings: Mit diesem “Kämmerer aus dem Mohrenland”, wie es in älteren Lutherübersetzungen heißt, muss es einiges auf sich haben. Denn es wird mehr als deutlich, dass Philippus und wohl niemand in der Gemeinde, die die Apsotelgeschichte an dieser Stelle im Auge hat, von sich aus auf die Idee gekommen wäre, mit diesem Menschen ein Stück mitzugehen oder ein Gespräch über den Propheten Jesaja anzufangen. Dazu bedarf es erst des Engels des Herrn und des Heiligen Geistes, ohne die sich, scheint es, Philippus keinen Schritt bewegt hätte. Dieser Mensch der im Wagen durch die mittägliche Gluthitze von Jerusalem nach Gaza reiste war ein schwarzhäutiger Afrikaner, ein Äthiopier aus Nubien, das im heutigen Sudan liegt. Also war er als Fremder sofort erkennbar. Andererseits kann es aber sein, dass er Jude war. Es war bekannt, dass Juden bis an die Grenzen Äthiopiens lebten. Mag sein, dass er der Sohn einer jüdischen Mutter war. Dann gehörte er also zum Volk Gottes und war darum nach Jerusalem gepilgert, um im Tempel anzubeten. Aber wiederum war er ein Eunuch, also nicht beschnitten, sondern verschnitten. Diese Art von Verstümmelung scheint einigermaßen verbreitet gewesen zu sein, besonders Sklaven waren davon betroffen. Derart entmannte Personen zählten zu den Verachtetsten und Verspottetsten.. Und wenn der Äthiopier Jude gewesen ist, wie ich vermutet habe, dann hatte er einen schweren Stand. Denn im Deuteronomium heißt es: "Kein Entmannter oder Verschnittener soll in die Gemeinde des Herrn kommen." (Dtn 23,2) Das ist vielleicht nicht wörtlich so gehandhabt worden, aber irgendwie markierte es doch eine Grenze, und die galt in der damaligen Zeit auch für die christliche Gemeinde. In seiner afrikanischen Gesellschaft war er dagegen zu einem angesehenen Mann aufgestiegen. Als Eunuch hat er es am Hof einer weiblichen Herrscherin zum Schatzmeister und Finanzminister gebracht. Er ist eine hochnoble Persönlichkeit, reist im eigenen Wagen und kann sich eine eigene Papyrosrolle mit dem Buch Jesaja leisten. In solchen Kreisen verkehrte die christliche Gemeinde damals an und für sich nicht. Ein Mensch voller Widersprüche, der, wo man auch anfängt einfach nicht ins Bild des Normalen passt. Ausländer, mit einem sexuellen Makel behaftet, das Verachtung und Ausgrenzung hervorruft, und dazu noch überdurchschnittlich reich. Kein Wunder, dass Philippus nicht von selbst auf diesen Menschen zugegangen ist. Dieser Mensch sucht. Er muß ja die Spannungen und Widersprüche seines Lebens am eigenen Leib am deutlichsten verspürt haben. Einerseits gehört er dazu, andererseits aber nicht, einerseits geht es ihm sehr gut, andererseits ist er isoliert und verspottet. Der Ort, an dem Philippus ihm begegnet, wird als einsam, öde beschrieben. Wir können uns hineinversetzen in dieses Bild der Durststrecke. Da ist nichts von der Fülle des Lebens, nur Durchleben. Da ist Einsamkeit. Die Bibel kennt aber gerade den Ort der Ödnis immer wieder als Ort der Begegnung mit Gott. Oder anders gesagt, durch die Erfahrungen der Wüste, der Isolation, des Zweifels werden wir vorbereitet, damit Gott zu uns reden kann. Der Afrikaner liest laut, wie das damals üblich war, im Jesajabuch. Er liest vom leidenden Gottesknecht. Für ihn mag diese Stelle sogar sprechend gewesen sein, sprach sie doch auch seine Erfahrungen an, denn er trug die Spuren der Gewalt an seinem Körper und lebte mit Ausgrenzung. Aber verstehst Du auch, was Du da liest? fragt ihn plötzlich Philippus. Wie soll ich verstehen, wenn mir niemand den Weg des Verstehens zeigt? Ich verstehe wohl das Leiden dieses Menschen, von dem die Rede ist. Aber wer ist damit gemeint? Der Prophet, ein anderer, sein Volk? Es führt uns noch nicht weiter in der Situation der Wüste, wenn wir andere kennen, die auch einsam, auch ratlos und verzweifelt sind. Erst wenn wir an den Grund unseres Leidens kommen, finden wir vielleicht einen Weg. Manchmal finden wir Menschen, die uns den Weg weisen wie Philippus, die uns weiterführen. Philippus hat dem Afrikaner die frohe Botschaft von Jesus erzählt. An Jesus ist nämlich neu sichtbar geworden, wie Gott sich die Gemeinschaft seines Volkes vorgestellt hat. Wo er hinkam haben die Menschen einen Vorgeschmack von der Welt, wie Gott sie will, bekommen bis dahin daß Krankheit und Tod weichen mußten für eine Welt ohne Spaltungen und Trennungen. Aber Jesus hat auch an der Sünde gelitten, also gerade daran, daß Spaltungen und Trennungen diese Welt Gottes kaputt machen. Es geht bei der Sünde nicht immer nur um die Tat eines einzelnen Menschen. Sünde ist auch, daß das Volk Gottes die Gerechtigkeit mißachtet und Gottes Schöpfung geringschätzt. Sie führt weg von Gott, hinein in Verstrickungen, aus denen wir uns nicht selbst befreien können. In diesem unheilvollen Zirkel von Opfer und Täter kann keiner sagen, wo der Anfang ist und wo ein Weg herausführt. Die Menschen sind auch Täter und Opfer der Sünde zugleich. In ihrer Einsamkeit und Krankheit leiden sie an der Unerlöstheit dieser Welt. Jesus wurde ein Opfer der Sünde, er litt und starb, er der in seinem Leben die Trennungen und Schmerzen der Menschen überwunden hatte. War es also doch umsonst? Gott hat Jesus auferweckt. An dieser Stelle beginnt der Glaube, daß die Macht der Sünde gebrochen ist. Die Christen glauben an die Möglichkeit aus den verhängnisvollen Kreisläufen der Feindschaft und der Gewalt aussteigen zu können: das heißt Vergebung. Für den Afrikaner heißt das, daß er trotz der Spaltungen und Widersprüche in seinem Leben ganz angenommen ist, ganz dazugehört. Das Symbol dafür ist die Taufe, in der wir zeichenhaft mir Jesus sterben und auferstehen. Der Afrikaner ließ sich taufen - wir dürfen dem immer neu auf den Grund gehen und uns gegenseitig den Weg zeigen, der über die Grenzen von Hautfarbe, sexueller Diskriminierung und sozialem Status hinausführt. Die Wegweisung anderer, Verstehenshilfe durch die Gemeinde ist unabdingbar um den Weg des Glaubens zu finden. Aber ist der Weg des Glaubens immer der Weg der Gemeinde? Der Kämmerer zog fröhlich seine Straße, heißt es, und er entschwindet damit unseren Blicken. Eigentlich findet nicht nur der Kämmerer, sondern auch die Gemeinde in dieser Geschichte neu zum Glauben. Die Taufe des Kämmerers wird erst möglich durch die Bekehrung der Gemeinde. Sie hätte von sich aus nichts mit diesem Afrikaner, Eunuchen und Staatsbeamten zu tun gehabt. Auch uns wird es heute vielleicht nicht gelingen, alle Menschen in die Gemeinde hereinzuholen. Vielleicht werden wir nur an die Orte der Einsamkeit gesandt um anderen Menschen zu helfen, dass sie ihren Weg verstehen. Viele Menschen in unserer Umgebung sind getauft und leben doch aus den verschiedensten Gründen von der Gemeinde getrennt. Wenn wir uns selbst und ihnen helfen können zu verstehen, dass in Christus unsere Trennungen überwunden sind, dann können sie vielleicht fröhlich ihre Straße ziehen und werden vielleicht auch unseren Blicken wieder entschwinden. Aber sie entschwinden nicht den Blicken Gottes, der unter uns eine neue Welt angefangen hat und sie auch vollenden wird.
Anmerkung: Vers 37 findet sich erst in der späteren Überlieferung: "Philippus aber sprach: wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist."
|
|
|
|
zurück
 aktuelle Gottesdienste
 Andachten
 besondere Gottesdienste
 Predigten
 |